Wenn das Jahr sich dem Ende zuneigt, verändert sich allmählich etwas. Nicht auffällig oder spektakulär, aber spürbar. Die Tage werden kürzer, die Abende länger, der Kalender leert sich langsam. Was bleibt, ist Zeit. Zeit zum Innehalten, zum Nachdenken und für Ehrlichkeit – vor allem mit sich selbst.
Diese Phase des Jahres ist mehr als ein kulturelles Ritual. Sie ist ein Prüfstein für Führung, Resilienz und vor allem die Frage, ob wir Verantwortung nur dann übernehmen, wenn es sichtbar und bequem ist – oder gerade dann, wenn es ungemütlich wird. Ich verstehe diese Wochen jedes Jahr als Einladung zur Selbstführung. Es ist die Gelegenheit für einen Rückblick auf Entscheidungen, Beziehungen sowie Erfolge und auf das, was liegen geblieben ist. In einer Stadt wie Hamburg, die im Winter rauer, dunkler und zugleich nüchtern ehrlicher wirkt, fällt mir das besonders leicht. Der Wind vom Hafen, das diffuse Licht über Elbe und Alster, die Kälte auf den Straßen: All das zwingt zur Klarheit. Hier trägt nichts, was nur Fassade ist.
Menschenführung beginnt genau hier, nicht mit Parolen, sondern mit innerer Ordnung. Widerstandsfähigkeit entsteht nicht erst im Ausnahmezustand, sondern im Alltag – durch Rituale, Verlässlichkeit und den bewussten Umgang miteinander. Und die Kompetenz mit kulturell unterschiedlich geprägten Menschen zeigt sich nicht in wohlformulierten Leitbildern, sondern im echten Interesse am Gegenüber, gerade dann, wenn Perspektiven unterschiedlich sind. Dies ist kein Jahresrückblick im klassischen Sinn. Er ist eine Einladung. Zum Nachdenken über das eigene Wirken, über Verantwortung jenseits von Titeln und über Engagement als Haltung und nicht als Hobby. Die entscheidende Frage ist daher nicht, was wir erreicht haben, sondern: Welche Art Mensch und welche Art Führungskraft wollen wir im kommenden Jahr sein oder vielleicht auch werden? Hier bietet diese besinnliche Sille den passenden Rahmen.
Wenn die Tage kürzer werden – Führung beginnt im Innehalten
Führung wird oft mit Geschwindigkeit gleichgesetzt – Präsenz mit Entscheidungen im Minutentakt und dem Gefühl, ständig reagieren zu müssen. Doch gerade dann, wenn das Jahr langsamer wird, zeigt sich, wer wirklich führt – und wer nur beschäftigt ist. Die Weihnachtszeit entlarvt vieles. Sie nimmt den Lärm heraus. Und sie lässt wenig Raum für Ausreden. In diesen Wochen wird sichtbar, wie jemand mit sich selbst umgeht. Ist er in der Lage, innezuhalten, ohne nervös zu werden. Lässt er Reflexion zulässt, ohne sie als Schwäche zu empfinden. Und ist er bereit, Verantwortung nicht nur nach außen, sondern zuerst nach innen zu übernehmen. Selbstführung ist keine Wellness-Übung. Sie ist die Voraussetzung für jede Form von Menschenführung. Gerade in verantwortungsvollen Rollen ist das Innehalten kein Luxus, sondern Pflicht. Wer andere führen will, muss sich selbst führen können – auch dann, wenn niemand zuschaut. Das bedeutet, Entscheidungen zu überprüfen, Prioritäten ehrlich zu hinterfragen und sich einzugestehen, wo man falsch lag oder zu bequem geworden ist. Resilienz entsteht nicht dadurch, dass man Belastung vermeidet, sondern dadurch, dass man ihr mit innerer Klarheit begegnet.
Ich habe gelernt, dass diese Phase des Jahres dafür besonders geeignet ist. Nicht, weil sie romantisch ist, sondern weil sie ehrlich ist. Hamburg im Winter verzeiht keine Illusionen. Der Wind ist kalt, das Licht knapp, die Wege sind rutschig. Wer hier unterwegs ist, muss wissen, wohin er will. Genau das gilt auch für Führung: Orientierung entsteht nicht im Außen, sondern im Inneren. Innehalten heißt nicht Stillstand. Es heißt bewusste Orientierung und setzen neuer Kurs für das kommende Jahr. Es bedeutet, sich zu fragen: Was habe ich dieses Jahr wirklich bewegt? Wen habe ich gestärkt? Wo war ich präsent – und wo nur formal anwesend? Diese Fragen sind unbequem. Aber sie sind notwendig. Denn Führung ohne Selbstreflexion wird früher oder später zur leeren Rolle. Resiliente Führungskräfte nutzen diese Zeit nicht, um sich zu verstecken, sondern um sich auszurichten. Sie wissen, wer das Jahr ungeordnet beendet, startet chaotisch ins neue. Wer aber bereit ist, ehrlich Bilanz zu ziehen, schafft die Grundlage für Vertrauen – bei sich selbst und bei anderen. Vertrauen ist die härteste Währung in jeder Organisation und in jeder Gesellschaft.
Kleine Erfolge, große Wirkung – wie Resilienz wirklich entsteht
Resilienz wird gern überschätzt – und gleichzeitig missverstanden. Viele verbinden damit außergewöhnliche Belastbarkeit, mentale Härte oder die Fähigkeit, Krisen scheinbar mühelos zu überstehen. In Wahrheit entsteht Resilienz viel unspektakulärer. Sie wächst nicht in Ausnahmesituationen, sondern im Alltag. In den kleinen, wiederholten Entscheidungen, die kaum jemand sieht, die aber mit der Zeit eine enorme Wirkung entfalten. Wer führen will, muss genau das verstehen. Resilienz ist kein Heroismus. Sie ist das Ergebnis von Struktur, Disziplin und Verlässlichkeit. Es sind die Routinen, die man auch dann einhält, wenn niemand kontrolliert. Die Gespräche, die man führt, obwohl sie anstrengend sind. Die Wertschätzung, die man ausspricht, obwohl sie nicht eingefordert wird. All das sind kleine Handlungen – und genau sie bilden das Fundament für Stabilität. Ich habe in den vergangenen Jahren immer wieder beobachtet, dass Menschen und Organisationen nicht an den großen Krisen scheitern, sondern an der Summe der vernachlässigten Kleinigkeiten. Ursache waren meist nicht geklärte Erwartungen, fehlende Kommunikation und der schleichenden Verlust von Aufmerksamkeit füreinander. Resilienz bedeutet, diese Erosion frühzeitig wahrzunehmen – und gegenzusteuern, bevor sie zur Krise wird.
Gerade in der Weihnachtszeit wird das deutlich. Wenn das Tempo nachlässt, spüren viele erst, wie erschöpft sie eigentlich sind. Nicht, weil das Jahr außergewöhnlich hart war, sondern weil sie zu selten innegehalten haben. Resiliente Menschen nutzen diese Phase, um Energie bewusst wieder aufzubauen, nicht durch Rückzug, sondern durch Ordnung, Klarheit und das bewusste Abschließen offener Schleifen. Auch in der Menschenführung zeigt sich hier ein klarer Unterschied. Führungskräfte, die Resilienz vorleben, feiern nicht nur große Erfolge. Sie machen Fortschritt sichtbar. Sie würdigen Einsatz. Sie geben Orientierung im Kleinen. Das schafft Sicherheit – und Sicherheit ist die Grundlage dafür, dass Menschen Verantwortung übernehmen und über sich hinauswachsen.
Hamburg lebt nicht von spektakulären Gesten, sondern von Verlässlichkeit. Von Menschen, die ihre Arbeit tun – auch bei Wind, Regen und Kälte. Genau so entsteht Resilienz, nicht durch Pathos, sondern durch das stille Wissen, dass das, was man tut, Sinn hat. Resilienz heißt deshalb auch, sich selbst nicht zu überfordern, aber konsequent zu fordern. Wer immer nur reagiert, brennt aus. Wer bewusst gestaltet, bleibt handlungsfähig. Kleine Erfolge sind kein Trostpflaster. Sie sind Beweise dafür, dass man auf dem richtigen Weg ist. Und sie sind die Basis für alles, was größer werden soll.
Verbundenheit ist kein Ritual – Beziehungen als Führungsaufgabe
Verbundenheit entsteht nicht durch Kalenderereignisse. Sie entsteht durch Aufmerksamkeit. Und Aufmerksamkeit ist eine bewusste Entscheidung. Gerade in einer Zeit, in der vieles automatisiert, beschleunigt und digitalisiert ist, wird echte Beziehungspflege zu einer Führungsaufgabe und nicht zu einer Nebensache. Weihnachtskarten zu schreiben, Gespräche zu suchen, Dank auszusprechen, das wirkt auf den ersten Blick altmodisch. In Wahrheit ist es hochaktuell. Denn es geht nicht um das Medium, sondern um die Haltung dahinter. Wer sich Zeit nimmt, an andere zu denken, signalisiert:
Du bist nicht austauschbar. Du wirst gesehen.
Diese Botschaft ist elementar – für Motivation, für Vertrauen und für Zusammenhalt. Menschenführung bedeutet, Beziehungen aktiv zu gestalten. Nicht nur dann, wenn es Konflikte gibt oder Ziele erreicht wurden, sondern kontinuierlich. Resiliente Netzwerke entstehen nicht spontan, sondern wachsen über Jahre. Sie tragen dann, wenn Belastungen steigen und Unsicherheit zunimmt. Genau deshalb ist Verbundenheit kein weiches Thema, sondern ein strategisches.
Ich erlebe diese Erkenntnis jedes Jahr besonders deutlich in der Adventszeit. Wenn ich das Jahr Revue passieren lasse, denke ich weniger an Projekte oder Zahlen, sondern an Menschen, Begegnungen, Gespräche und gemeinsame Wege – im Guten wie im Schwierigen. Diese Reflexion schärft den Blick dafür, wie viel Führung jenseits formaler Strukturen stattfindet. Echte Hamburger leben von genau dieser stillen Verbindlichkeit, vom Handschlag, der gilt und vom Wort, das trägt. Wer hier Verantwortung übernimmt, weiß, Vertrauen entsteht nicht durch Versprechen, sondern durch Konsequenz im Handeln. Diese Haltung lässt sich auf jede Organisation und jede Gemeinschaft übertragen.
Wärme in kalten Zeiten – Verantwortung zeigen, wenn es unbequem wird
Wenn es kalt wird, zeigt sich Charakter. Nicht im geschützten Raum, sondern draußen. Dort, wo es zieht, wo Wege glatt sind und Orientierung im diffusen Licht manchmal schwerfällt. Verantwortung zu übernehmen, wenn es unbequem wird, ist der eigentliche Prüfstein von Führung. Gesellschaftlich wie organisatorisch erleben wir seit Jahren eine Verdichtung von Krisen. Viele reagieren darauf mit Rückzug oder Zynismus. Beides schwächt. Führung hingegen bedeutet, Halt zu geben – nicht durch einfache Antworten, sondern durch Verlässlichkeit, Präsenz und das Aushalten von Ambivalenz. Der Winter ist dafür ein ehrliches Bild. In Hamburg bedeutet er nicht Idylle, sondern Realität: Dunkelheit, Nässe und Kälte. Und dennoch funktioniert die Stadt, weil Menschen Verantwortung übernehmen. Genau diese leise, konsequente und dienende Form von Haltung braucht auch unsere Gesellschaft wieder. Resilienz zeigt sich hier als Fähigkeit, handlungsfähig zu bleiben, ohne zu verhärten. Verantwortung heißt nicht, alles zu kontrollieren, sondern das Richtige zu tun, auch wenn es keine einfache Lösung gibt. Führungskräfte, die in solchen Momenten Orientierung geben, schaffen Vertrauen – und Vertrauen schafft Stabilität.
Interkulturelle Kompetenz als innere Haltung
Interkulturelle Kompetenz beginnt nicht mit Trainings, sondern mit Selbstreflexion. Mit der Bereitschaft, die eigene Perspektive nicht für die einzig gültige oder zulässige zu halten. In einer vielfältigen Gesellschaft ist diese Fähigkeit keine Zusatzqualifikation mehr, sondern Voraussetzung für Zusammenhalt. Gerade in Führungsrollen entscheidet sich hier, ob Unterschiedlichkeit als Bedrohung oder als Chance wahrgenommen wird. Wer zuhören kann, ohne sofort zu bewerten und wer neugierig bleibt statt defensiv zu reagieren, schafft Räume, in denen Vertrauen wachsen kann. Resilienz auf gesellschaftlicher Ebene entsteht dort, wo Unterschiede nicht nivelliert, sondern integriert werden und dort, wo ein gemeinsamer Nenner gesucht wird. Das bedeutet auch, dass man, wenn ein gemeinsamer Nenner nicht gefunden werden kann, einen Schlussstrich ziehen muss. Das verlangt innere Stabilität. Und es verlangt Führungspersönlichkeit – ruhig, respektvoll und klar. Hamburg als Jahrhunderte alte Hafenstadt ist historisch ein Ort des Austauschs. Als Hafenstadt ist und war sie stets Handelsplatz und Schnittstelle zwischen Kulturen. Diese Prägung erinnert daran, dass Offenheit und Ordnung keine Gegensätze sind. Sie bedingen einander.
Ausblick ohne Romantik – warum Engagement kein Hobby ist
Engagement ist kein Zeitvertreib. Es ist eine Entscheidung, Verantwortung zu übernehmen, mit zu gestalten und sich bewusst mit den eigenen Fähigkeiten in einen größeren Zusammenhang einzubringen. Gerade am Übergang in ein neues Jahr wird diese Entscheidung noch klarer sichtbar. 2026 wird kein einfaches Jahr. Umso mehr braucht es Menschen, die bereit sind, Verantwortung nicht zu delegieren, sondern selbst zu übernehmen. Es braucht nicht die Lauten, nicht die Belehrenden, sondern jene, die durch ihr Vorbild Führung vorleben.
Nicht Programme schaffen resiliente Gesellschaften, sondern Menschen mit Haltung, die bereit sind, sich einzubringen, auch wenn es anstrengend ist, die Verbindungen schaffen, wo Spaltung droht und die Verantwortung übernehmen, ohne dafür Applaus zu erwarten.
Schlussgedanke
Während vor der Haustür Vater Frost die ersten Krallen zeigt, umklammert er Haus und Hof fest. Wer nun seine Nase aus der Haustür streckt, sieht im Licht der Eingangsbeleuchtung gefrorene Grashalme und Blätter. Die Türen der Autos sind eingefroren und lassen sich nur mit Mühe öffnen. In den Gärten leuchten die Weihnachtsdekorationen und jedes Licht bricht sich auf kleinen Eiskristallen und funkelt in der sonstigen Dunkelheit. An den Fenstern des Gartenhauses befinden sich sogar Eisblumen. Eine gute Zeit, seine Weihnachtsvorbereitungen abzuschließen. Ich mache es mir dann gern gemütlich, kontrolliere meine Liste, ob ich auch alle Geschenke besorgt habe und niemanden vergessen habe. Im Hintergrund läuft noch Weihnachtsmusik und hilft mir ein wenig Ruhe zu finden. Dann wird der Kaminofen entzündet. Das Tanzen des Feuerscheins an den Wänden unterstützt die gemütliche Atmosphäre zusätzlich. Nun kommt für mich der schönste Teil. Ich starte den „Kleinen Lord“ im Fernsehen, setze mich an den Tisch, nehme mir den Stapel mit Weihnachtskarten und beginne zu schreiben. Der Film lenkt mich dabei schon lange nicht mehr an. Den habe ich schon so oft gesehen, dass ich die Dialoge synchron mitsprechen oder rezitieren könnte. Aber er schafft jedes Jahr aufs Neue eine großartige Weihnachtsstimmung, die die ganze Adventszeit hält. Aber wenn dann der weihnachtliche Lichterglanz verblasst und der Alltag zurückkehrt, bleibt eine einfache, aber entscheidende Frage:
Sind wir bereit, Verantwortung nicht nur zu fordern, sondern vorzuleben – gerade dann, wenn kein Applaus zu erwarten ist?

Aber vorher möchte ich allen in der stillen Zeit des Jahres von Herzen eine besinnliche restliche Vorweihnachtszeit, ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest sowie einen beschwingten und hoffnungsvollen Übergang in ein erfolgreiches und hoffentlich friedlicheres Jahr 2026 wünschen. Als ich Weihnachten 2022 bei über 30 °C in GAO/MALI im Auslandseinsatz war, habe ich für meine Kinder in über 4.000 km Entfernung zum Trost dieses kleine Gedicht geschrieben und grüße damit alle Kameraden, die Weihnachten nicht bei ihren Familien sein können!
Möge das kommende Jahr von Gesundheit, Freude und Glück getragen sein und viele schöne Momente schenken.


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