Resilienz made in Germany – brauchen wir eine neue Dienstpflicht für alle?

Resilienz als Schicksalsfrage moderner Gesellschaften

Resilienz ist längst mehr als ein Modewort aus Managementseminaren oder politischen Sonntagsreden. Sie ist zur Schlüsselkategorie staatlicher Handlungsfähigkeit geworden. Gemeint ist nicht nur die Fähigkeit, Krisen zu überstehen, sondern sie einzuordnen, aus ihnen zu lernen und gestärkt aus ihnen hervorzugehen. Für Deutschland ist diese Frage von besonderer Relevanz, denn die vergangenen Jahre haben gezeigt, wie verletzlich selbst hochentwickelte Demokratien sein können.

Der letzte Anschlag in Berlin offenbart, wie schnell Verwaltung und politische Entscheidungsprozesse an ihre Grenzen stoßen. Die Flutkatastrophe im Ahrtal machte schmerzhaft sichtbar, was passiert, wenn Warnketten versagen und Zuständigkeiten unklar bleiben. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine führte vor Augen, dass Frieden in Europa keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Hinzu kamen eine Energiekrise, Lieferkettenprobleme und eine massive Zunahme hybrider Bedrohungen – von Cyberangriffen bis hin zu gezielter Desinformation.

In all diesen Situationen verfügte Deutschland grundsätzlich über leistungsfähige Strukturen: eine Bundeswehr mit hohem Professionalitätsanspruch, einen Katastrophenschutz mit engagierten Ehrenamtlichen und aktive Bürgerinnen und Bürger. Und doch zeigte sich immer wieder ein zentrales Problem: Diese Systeme sind auf Normalbetrieb ausgelegt. Sie funktionieren gut, solange Krisen punktuell, zeitlich begrenzt oder klar abgegrenzt sind. Treffen jedoch mehrere Belastungen gleichzeitig aufeinander oder halten sie länger an, geraten sie unter erheblichen Druck.

Resilienz ist deshalb keine rein organisatorische oder technische Herausforderung. Sie ist eine Frage gesellschaftlicher Haltung. Sie entscheidet darüber, ob ein Staat im Ernstfall nur reagiert oder handlungsfähig bleibt. Genau an diesem Punkt beginnt die Debatte über neue Formen gesellschaftlicher Verantwortung – und damit auch über die Frage einer allgemeinen Dienstpflicht.

Doch was passiert mit einer Gesellschaft, wenn sie zwar über ausgefeilte Notfallpläne verfügt, aber immer weniger Menschen bereit sind, im Ernstfall selbst Verantwortung zu übernehmen?

Warum Resilienz nicht ohne Menschen funktioniert

In politischen Debatten wird Resilienz häufig technisch definiert. Es geht um Stromnetze, Redundanzen, Cyberabwehr, Krisenstäbe und Frühwarnsysteme. All das ist zweifellos notwendig. Doch diese Sichtweise greift zu kurz. Technik kann unterstützen, absichern und beschleunigen – sie kann aber nicht handeln, helfen oder Verantwortung tragen. Resilienz entsteht erst dort, wo Menschen bereit sind, sich einzubringen.

Wenn Intensivstationen überlastet sind, entscheiden Pflegekräfte über Versorgungsqualität. Wenn Deiche brechen, sind es Freiwillige, die Sandsäcke schleppen. Wenn Kommunen mit tausenden Geflüchteten konfrontiert sind, tragen Sozialarbeiter, Ehrenamtliche und Verwaltungsmitarbeiter die Hauptlast. In jeder Krise zeigt sich: Die entscheidende Ressource ist nicht Technik, sondern der Mensch.

Gleichzeitig ist diese Ressource zunehmend knapp. Ehrenamtliche Strukturen leiden unter Überalterung. Viele junge Menschen fühlen sich politisch ohnmächtig, gesellschaftlich entfremdet ja kulturell entwurzelt. Verantwortung wird delegiert – an den Staat, an Institutionen, an „die anderen“. Resilienz jedoch lässt sich nicht delegieren. Sie setzt Beteiligung voraus.

Eine allgemeine Dienstpflicht könnte genau hier ansetzen. Sie würde Verantwortung nicht nur einfordern, sondern erfahrbar machen. Wer ein Jahr im Dienst der Gesellschaft steht, lernt, was es bedeutet, gebraucht zu werden. Er erlebt, dass das eigene Handeln Wirkung hat – für andere und für das Gemeinwesen insgesamt. Auf diese Weise entsteht eine Kultur der Verantwortung, die weit über technische Sicherheitsnetze hinausgeht. Ich selber kann dies als ehemaliger Zivildienstleistender und heutiger Oberst der Reserve nur unterstreichen.

Aber kann ein Staat dauerhaft resilient sein, wenn Verantwortung vor allem eingefordert wird, ohne jemals praktisch eingeübt worden zu sein?

Gesellschaftlicher Zusammenhalt in Zeiten der Fragmentierung

Deutschland entwickelt sich immer mehr zu einer pluralistischen Gesellschaft. Unterschiedliche Lebensentwürfe, kulturelle Hintergründe und politische Überzeugungen gehören zu ihrem Selbstverständnis. Diese Vielfalt ist eine Stärke, sie bringt jedoch auch Spannungen mit sich. Soziale Ungleichheit, politische Polarisierung, Stadt-Land-Gegensätze und Generationenkonflikte prägen zunehmend den öffentlichen Diskurs. Vertrauen schwindet, Debatten verhärten sich, Kompromissfähigkeit nimmt ab.

Gleichzeitig fehlen immer häufiger Orte gemeinsamer Erfahrung. Viele Lebenswelten existieren nebeneinander, ohne sich zu berühren. Schule, Ausbildung und Studium verlaufen oft in homogenen Milieus. Begegnungen mit Menschen außerhalb der eigenen sozialen Blase werden seltener. Genau hier liegt ein unterschätztes Risiko für die gesellschaftliche Resilienz.

Ein verpflichtendes Dienstjahr könnte als verbindendes Element wirken. Wenn junge Menschen aus unterschiedlichen sozialen, kulturellen und regionalen Hintergründen gemeinsam Verantwortung übernehmen, entsteht ein gemeinsamer Erfahrungshorizont. Ob in der Pflege, im Katastrophenschutz, im Umweltschutz oder in sozialen Einrichtungen – gemeinsames Handeln schafft Verständnis, baut Vorurteile ab und stärkt den Zusammenhalt.

Resilienz bedeutet in diesem Sinne auch Widerstandsfähigkeit gegen Spaltung. Eine Gesellschaft, die einander kennt, vertraut und gemeinsam Verantwortung getragen hat, ist weniger anfällig für Desinformation, Radikalisierung und gezielte Einflussnahme von außen.

Doch wie widerstandsfähig kann eine Demokratie sein, wenn ihre Bürger einander kaum noch kennen und Solidarität sich zu einem politischen Kampfbegriff entwickelt?

Innere Sicherheit und staatliche Handlungsfähigkeit

Die sicherheitspolitische Lage Deutschlands hat sich grundlegend verändert. Der Krieg in Europa, globale Machtverschiebungen, hybride Bedrohungen und zunehmende Naturkatastrophen stellen Staat und Gesellschaft vor neue Anforderungen. Gleichzeitig sind viele sicherheitsrelevante Strukturen personell angespannt. Die Bundeswehr befindet sich in einem tiefgreifenden Transformationsprozess, Zivil- und Katastrophenschutz kämpfen mit Nachwuchsproblemen, und das Ehrenamt stößt vielerorts an seine Grenzen.

Eine allgemeine Dienstpflicht könnte helfen, diese strukturellen Schwächen abzufedern. Nicht als Ersatz für Professionalität, sondern als Ergänzung. In nicht-kampforientierten Bereichen der Bundeswehr, im Bevölkerungsschutz, in Feuerwehr, THW, Rettungsdiensten oder sozialen Einrichtungen könnten junge Menschen wertvolle Unterstützung leisten. Gleichzeitig würden sie Fähigkeiten erwerben, die im Ernstfall von unschätzbarem Wert sind.

So entstünde ein breites gesellschaftliches Kompetenznetzwerk. Menschen wüssten, wie man im Krisenfall handelt, wie Abläufe funktionieren und wo Zuständigkeiten liegen. Resilienz würde damit nicht nur institutionell, sondern gesellschaftlich und persönlich in jedem einzelnen verankert.

Was bedeutet staatliche Sicherheit eigentlich noch, wenn immer weniger Bürger wissen, wie sie selbst Teil dieser Sicherheit sein können?

Ein Jahr, das prägt – individuelle Wirkung der Dienstpflicht

Oft wird gefragt, was eine Dienstpflicht dem Einzelnen kostet. Das ist aber die falsche Frage. Die Frage müsste lauten, was sie dem Einzelnen bringt. Und diese Antwort ist eindeutig: sehr viel. Ein Pflichtjahr ist kein verlorenes Jahr, sondern ein Erfahrungsraum. Wer Verantwortung übernimmt, wächst an ihr. Selbstwirksamkeit, Teamfähigkeit, Belastbarkeit und Orientierung entstehen nicht durch theoretische Vermittlung, sondern durch gelebte Praxis. Warum sind so viele junge Menschen heute so schnell überfordert, zögerlich und sogar ängstlich? Weil sie sich nie zuvor in realen Situationen beweisen mussten oder beweisen konnten. Denn Herausforderungen sind keine Bürde, sie sind Chancen!

Viele junge Menschen stehen nach der Schule unter erheblichem Entscheidungsdruck: Studienwahl, Ausbildung, Karriereplanung. Und all das soll möglichst früh und fehlerfrei festgelegt werden. Ein Dienstjahr kann hier entlasten. Es bietet Zeit zur Reflexion, zur Persönlichkeitsentwicklung und zur Reifung. Gleichzeitig werden Kompetenzen erworben, die in jedem späteren Lebensweg von Nutzen sind.

Resilienz beginnt beim Individuum. Wer gelernt hat, mit Unsicherheit umzugehen, Verantwortung zu tragen und Teil eines größeren Ganzen zu sein, bleibt auch in Krisen handlungsfähig.

Aber was kostet es eine Gesellschaft langfristig, wenn junge Menschen zwar perfekt ausgebildet, aber nie wirklich gefordert werden?

Ein realistischer Blick auf Kritik und Chancen

Die Einwände gegen eine Dienstpflicht sind bekannt: Eingriff in die Freiheit, hohe Kosten, organisatorische Komplexität. Diese Argumente verdienen eine ernsthafte Auseinandersetzung. Doch Freiheit und Verantwortung sind keine Gegensätze, sondern zwei Seiten derselben Medaille. Eine demokratische Gesellschaft lebt davon, dass ihre Mitglieder bereit sind, zeitweise etwas für das Gemeinwohl zu leisten. Wer sich an einer solchen gesellschaftlichen Gesamtleistung nicht beteiligen will, lebt letztlich zu Lasten der Gemeinschaft mit. Jeder muss sich in einer Gemeinschaft die Frage stellen, ob er Teil der Gemeinschaft sein möchte, dann gehören dazu Rechte und Pflichten. Wer sich nur die Rechte herauspickt profitiert dauerhaft von solidarischen Leistungen, ohne selbst einen angemessenen gesellschaftliche Beitrag zu leisten.

Auch die Kostenfrage muss ehrlich betrachtet werden. Resilienz ist nicht billig, aber Nicht-Resilienz ist ungleich teurer. Die Schäden vergangener Krisen gehen in die Milliarden. Investitionen in Vorsorge, Ausbildung und gesellschaftlichen Zusammenhalt zahlen sich langfristig aus – finanziell, politisch und menschlich.

Organisatorisch verfügt Deutschland bereits über tragfähige Strukturen. Sie müssten ausgebaut, besser koordiniert und strategisch vernetzt werden. Die Basis ist vorhanden.

Ist es wirklich mutiger, nichts zu verändern, als Verantwortung neu zu denken?

Schlussgedanke: Resilienz beginnt mit uns allen

„Resilienz made in Germany – brauchen wir eine neue Dienstpflicht für alle?“ Die Antwort lautet: Ja. Nicht aus Zwang, nicht aus Nostalgie, sondern aus Vernunft. Die Herausforderungen wachsen, die Welt wird unsicherer, und Resilienz entsteht nicht von selbst. Sie braucht Menschen.

Eine Dienstpflicht für alle ist kein Verlust an Freiheit, sondern ein Gewinn an Stärke. Sie schafft Zusammenhalt, Verantwortungsbewusstsein und Zukunftsfähigkeit. Ein Jahr im Dienst der Gemeinschaft bedeutet, Deutschland widerstandsfähiger zu machen – von innen heraus.

Die zentrale Erkenntnis lautet: Resilienz ist keine Strategie auf Papier. Sie ist eine Haltung. Und sie beginnt bei uns allen.

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