Warum gute Absichten keine gute Führung ersetzen
Warum scheitern manche Organisationen trotz hervorragender Strategien, hoher Budgets und motivierter Mitarbeiter? Warum geraten Unternehmen, Behörden, Vereine und sogar Staaten immer wieder in Situationen, die vermeidbar gewesen wären? Die Antwort liegt häufig nicht in fehlenden Ressourcen, sondern in der Qualität ihrer Führungskräfte. In einer Zeit, in der nahezu alles vermessen, analysiert und kategorisiert wird, entstehen ständig neue Modelle zur Bewertung von Menschen. Viele davon wirken wissenschaftlich, modern und differenziert. Doch je komplexer diese Modelle werden, desto häufiger verlieren sie ihre eigentliche Aufgabe aus den Augen:
Menschen anhand ihrer tatsächlichen Eignung für Verantwortung einzuordnen.
Führung ist keine theoretische Disziplin. Führung zeigt sich in Entscheidungen, unter Zeitdruck, Unsicherheit und unter Kritik. Genau dort trennt sich Wirkung von Absicht. Dabei ist die Fähigkeit zur Kategorisierung keine Form von Diskriminierung, sondern eine zwingende Voraussetzung jeder verantwortungsvollen Entscheidung. Wer begrenzte Ressourcen verteilen, Personal auswählen oder Verantwortung übertragen muss, kommt an Auswahlprozessen nicht vorbei. Die Frage ist daher nicht, ob wir kategorisieren, sondern nach welchen Kriterien wir es tun.
Vor über achtzig Jahren formulierte ein deutscher General eine bemerkenswert einfache Einteilung von Führungskräften. Sie ist unbequem, nicht sonderlich freundlich und politisch völlig unkorrekt. Gerade deshalb hat sie bis heute nichts von ihrer praktischen Relevanz verloren.
Die unbequeme Wahrheit über Kategorisierung – Ohne Auswahl gibt es keine Führung
Kaum ein Begriff wird heute so schnell missverstanden wie der Begriff der Kategorisierung. Viele Menschen verbinden damit Schubladendenken, Vorurteile oder gar Ungerechtigkeit. Tatsächlich ist jedoch das Gegenteil der Fall. Wer Verantwortung trägt, muss unterscheiden können. Wer nicht unterscheiden will, kann auch nicht entscheiden. Und wer nicht entscheidet, führt nicht. Jede Führungskraft steht täglich vor Situationen, in denen Ressourcen begrenzt sind. Zeit ist begrenzt. Aufmerksamkeit ist begrenzt. Geld ist begrenzt. Personal ist begrenzt. Selbst die Leistungsfähigkeit eines Teams ist begrenzt. Die Vorstellung, jedem Menschen jederzeit alles bieten zu können, mag sympathisch klingen. Sie hat jedoch mit der Realität wenig zu tun.
Stellen wir uns vor, zehn attraktive Projekte konkurrieren um das Budget eines Unternehmens. Alle haben gute Argumente. Alle versprechen Chancen. Trotzdem werden am Ende vielleicht nur zwei oder drei umgesetzt werden können. Nicht weil die übrigen schlecht wären, sondern weil Ressourcen nicht unbegrenzt verfügbar sind. Genau in diesem Moment beginnt Führung. Nicht bei der Zustimmung zu allem, sondern bei der Auswahl dessen, was tatsächlich Priorität erhält. Dasselbe gilt für Personalentscheidungen. Nicht jeder Mitarbeiter eignet sich für jede Aufgabe. Nicht jeder Experte ist automatisch eine gute Führungskraft und nicht jeder engagierte Mensch verfügt über das notwendige Urteilsvermögen, um Verantwortung für andere zu übernehmen. Wer diese Unterschiede ignoriert, handelt nicht besonders menschlich oder gerecht. Er handelt fahrlässig.
Die vielleicht größte Fehlentwicklung unserer Zeit besteht darin, dass viele Organisationen versuchen, unangenehme Wahrheiten sprachlich zu entschärfen. Schwächen werden zu „Entwicklungspotenzialen“. Fehlentscheidungen werden zu „Lernerfahrungen“. Mangelnde Eignung wird zu einer Frage der Perspektive erklärt. Dadurch verschwinden die Probleme jedoch nicht. Sie werden lediglich umetikettiert.
Erfolgreiche Organisationen funktionieren anders. Sie benennen Realität als Realität. Sie erkennen Stärken und Schwächen. Sie unterscheiden zwischen Leistung und Aktivität, zwischen Potenzial und tatsächlicher Befähigung. Vor allem aber akzeptieren sie, dass nicht jede Entscheidung alle Menschen gleichermaßen zufriedenstellen wird. Viele Führungskräfte verwechseln Zustimmung mit Führung. Sie wollen gemocht werden, statt Verantwortung zu übernehmen. Doch die Aufgabe einer Führungskraft besteht nicht darin, Popularitätswettbewerbe zu gewinnen. Ihre Aufgabe besteht darin, Entscheidungen zu treffen, die dem Auftrag, der Organisation und den anvertrauten Menschen langfristig dienen.
Wer führen will, muss deshalb den Mut entwickeln, Unterschiede wahrzunehmen und Konsequenzen aus ihnen abzuleiten. Denn jede Beförderung, jede Einstellung, jede Ressourcenverteilung und jede strategische Entscheidung basiert letztlich auf einer Form der Kategorisierung. Die entscheidende Frage lautet nicht, ob wir kategorisieren. Die entscheidende Frage lautet, ob wir die richtigen Kriterien wählen. Genau hier wird die Betrachtung eines preußisch geprägten Generals überraschend aktuell. Denn seine Einteilung von Menschen verzichtet auf komplizierte Theorien, psychologische Modebegriffe und akademische Konstrukte. Sie konzentriert sich auf das Wesentliche. Und gerade deshalb besitzt sie bis heute eine bemerkenswerte Erklärungskraft.
Hammerstein-Equord und die zeitlose Matrix der Verantwortung
Viele Führungsmodelle kommen und gehen. Einige verschwinden bereits wenige Jahre nach ihrer Veröffentlichung wieder in den Archiven von Unternehmensberatungen und Managementseminaren. Die wirklich wertvollen Modelle zeichnen sich hingegen dadurch aus, dass sie Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte überdauern. Nicht weil sie besonders kompliziert sind, sondern weil sie eine grundlegende Wahrheit über menschliches Verhalten beschreiben.
Eines dieser Modelle stammt von Kurt Freiherr von Hammerstein-Equord. Als General der Infanterie und Chef der Heeresleitung trug er Verantwortung in einer Zeit, in der Fehlentscheidungen unmittelbare und oft gravierende Folgen hatten. Seine Aufgabe bestand nicht darin, Menschen zu motivieren, sich selbst zu verwirklichen oder möglichst viele Interessengruppen zufriedenzustellen. Seine Aufgabe bestand darin, geeignete Menschen für verantwortungsvolle Positionen zu identifizieren.
Seine Einteilung war ebenso einfach wie provokant. Er unterschied zwischen klugen und dummen sowie zwischen fleißigen und faulen Offizieren. Daraus ergaben sich vier Kategorien. Hinter diesen Begriffen verbirgt sich jedoch weit mehr als eine oberflächliche Bewertung. „Klug“ beschreibt dabei die Fähigkeit, Zusammenhänge zu erkennen, Prioritäten richtig zu setzen und auch unter Unsicherheit tragfähige Entscheidungen zu treffen. „Fleißig“ beschreibt den Willen, Energie einzusetzen, Aufgaben konsequent zu verfolgen und Ergebnisse zu erzielen.
Aus der Kombination dieser Eigenschaften entsteht eine Matrix, die bis heute bemerkenswert präzise funktioniert. Kluge und fleißige Menschen bilden das Rückgrat nahezu jeder Organisation. Sie entwickeln Konzepte, treiben Projekte voran und sorgen dafür, dass Ideen in Ergebnisse umgesetzt werden. Ohne sie würde kein Unternehmen wachsen, keine Behörde funktionieren und keine Streitkraft einsatzbereit bleiben.
Dumme und faule Menschen betrachtete Hammerstein als unproblematisch. Diese Einschätzung mag zunächst überraschen. Seine Logik war jedoch nachvollziehbar. Wer wenig Initiative entwickelt und gleichzeitig nur begrenzte Fähigkeiten besitzt, richtet meist auch nur begrenzten Schaden an. Solche Menschen erfüllen Routinetätigkeiten, folgen bestehenden Prozessen und bewegen sich innerhalb klarer Vorgaben. Sie sind selten Innovationstreiber, aber auch selten eine existenzielle Gefahr für die Organisation.
Interessant wird es bei den beiden verbleibenden Gruppen. Denn dort entscheidet sich häufig, ob Organisationen erfolgreich sind oder scheitern. Hammerstein beobachtete, dass die höchsten Führungsaufgaben eine besondere Kombination erfordern. Nicht maximalen Fleiß. Nicht maximale Aktivität. Sondern die Fähigkeit, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden. Wer jede Aufgabe selbst bearbeiten möchte, wer überall gleichzeitig eingreifen will und wer jede Entscheidung bis ins kleinste Detail kontrolliert, wird irgendwann zum Flaschenhals seiner eigenen Organisation.
Deshalb betrachtete er eine bestimmte Kategorie als besonders geeignet für höchste Führungsverantwortung. Eine Einschätzung, die zunächst paradox erscheint, bei genauer Betrachtung jedoch erstaunlich viel Sinn ergibt. Gleichzeitig identifizierte er eine andere Kategorie als die gefährlichste überhaupt. Menschen, die aus bestem Willen heraus großen Schaden anrichten können, weil ihnen eine entscheidende Eigenschaft fehlt.
Genau diese beiden Gruppen begegnen uns auch heute noch täglich. In Unternehmen, Behörden, politischen Institutionen, Vereinen und selbst im privaten Umfeld. Wer sie erkennt, versteht plötzlich viele Entwicklungen, die zuvor unverständlich erschienen.
Und genau deshalb lohnt sich nun ein genauer Blick auf die vielleicht am häufigsten missverstandene Aussage Hammersteins: Warum ausgerechnet der kluge und faule Mensch oft die besten Voraussetzungen für höchste Führungsverantwortung mitbringt.
Klug und faul – Warum strategische Denker oft die besten Führungskräfte sind
Kaum eine Aussage Hammersteins sorgt bis heute für mehr Irritation als seine Feststellung, dass sich gerade der „kluge und faule“ Mensch für höchste Führungsaufgaben eigne. Auf den ersten Blick wirkt diese Einschätzung geradezu absurd. Schließlich wird uns seit Jahrzehnten vermittelt, dass Erfolg vor allem das Ergebnis von Fleiß, Einsatzbereitschaft und möglichst hoher Aktivität sei. Wer früh kommt, spät geht, jede E-Mail beantwortet und jede Aufgabe selbst übernimmt, gilt vielerorts als Vorbild.
Doch Führung und Arbeit sind nicht dasselbe.
Eine gute Führungskraft wird nicht dafür bezahlt, möglichst beschäftigt zu wirken. Sie wird dafür bezahlt, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Zwischen beiden Dingen besteht ein erheblicher Unterschied. Tatsächlich beobachtet man in vielen Organisationen genau das Gegenteil dessen, was eigentlich notwendig wäre. Je höher jemand aufsteigt, desto mehr versucht er häufig, operativ tätig zu bleiben. Er kontrolliert, kommentiert, korrigiert und greift ein. Er fühlt sich unentbehrlich. Die Organisation wird dadurch jedoch nicht stärker, sondern abhängig.
Der kluge und vermeintlich faule Mensch denkt anders. Seine „Faulheit“ ist in Wahrheit kein Mangel an Leistungsbereitschaft. Sie ist die Abneigung gegen unnötige Arbeit. Er fragt nicht zuerst: „Wie machen wir das?“ sondern: „Müssen wir das überhaupt machen?“ Er sucht nicht nach zusätzlichen Aufgaben, sondern nach Möglichkeiten, Komplexität zu reduzieren. Er vereinfacht Prozesse, beseitigt Doppelarbeit und konzentriert sich konsequent auf diejenigen Hebel, die den größten Effekt erzeugen.
Genau hierin liegt eine der wichtigsten Eigenschaften erfolgreicher Führungskräfte: Priorisierung.
Jede Organisation verfügt über begrenzte Ressourcen. Wer versucht, alles gleichzeitig zu erledigen, erreicht meist wenig. Wer hingegen erkennt, welche wenigen Entscheidungen tatsächlich über Erfolg oder Misserfolg bestimmen, kann mit vergleichsweise geringem Aufwand enorme Wirkung entfalten. Strategische Führung bedeutet deshalb nicht, mehr zu tun. Strategische Führung bedeutet, das Richtige zu tun. Diese Eigenschaft findet man häufig bei Menschen, die über Jahre hinweg Verantwortung getragen haben. Sie haben gelernt, zwischen dringend und wichtig zu unterscheiden. Sie wissen, dass Aktionismus keine Strategie ersetzt. Sie erkennen, dass hektische Betriebsamkeit oft nur Unsicherheit kaschiert. Vor allem aber besitzen sie die geistige Ruhe, auch unter Druck einen klaren Kopf zu bewahren.
Gerade in Krisenzeiten wird dieser Unterschied sichtbar. Während manche Führungskräfte jede Stunde neue Maßnahmen verkünden, neue Arbeitsgruppen gründen oder neue Projekte starten, analysieren andere zunächst die Lage. Sie widerstehen dem öffentlichen Druck, sofort handeln zu müssen. Sie sammeln Informationen, wägen Konsequenzen ab und treffen erst dann Entscheidungen. Von außen wirkt das gelegentlich wie Untätigkeit. Tatsächlich handelt es sich oft um strategische Disziplin. Diese Fähigkeit ist selten. Denn sie verlangt etwas, das in modernen Organisationen häufig unterschätzt wird: Urteilsvermögen. Daten können gesammelt werden. Prozesse können definiert werden. Fachwissen kann erlernt werden. Urteilsvermögen entsteht hingegen durch Erfahrung, Reflexion und die Bereitschaft, Verantwortung für die Folgen eigener Entscheidungen zu übernehmen.
Deshalb begegnen wir den wirklich starken Führungspersönlichkeiten oft nicht dort, wo am lautesten gesprochen wird. Sie müssen ihre Kompetenz nicht permanent demonstrieren. Sie definieren ihren Wert nicht über sichtbare Aktivität. Ihre Autorität entsteht aus Klarheit, Verlässlichkeit und der Fähigkeit, in entscheidenden Momenten die richtigen Prioritäten zu setzen. Doch wenn der kluge und vermeintlich faule Mensch für höchste Führungsaufgaben besonders geeignet ist, stellt sich zwangsläufig eine weitere Frage: Wer ist dann die gefährlichste Person in einer Organisation?
Hammersteins Antwort darauf war eindeutig. Und sie ist heute möglicherweise noch aktueller als zu seiner Zeit.
Dumm und fleißig – Die gefährlichste Person im System
Während Hammerstein dem klugen und vermeintlich faulen Menschen die höchsten Führungsaufgaben zutraute, sprach er gleichzeitig eine Warnung aus, die bis heute nichts von ihrer Relevanz verloren hat. Man müsse sich vor dem Menschen hüten, der gleichzeitig dumm und fleißig sei. Ihm dürfe man keine Verantwortung übertragen, weil er zwangsläufig Schaden anrichten werde.
Diese Aussage wirkt hart. Vielleicht sogar ungerecht. Doch sie verdient eine differenzierte Betrachtung.
Mit „dumm“ war nicht mangelnde Schulbildung gemeint. Nicht jeder Mensch muss Akademiker sein, um kluge Entscheidungen treffen zu können. Gemeint ist vielmehr das Fehlen von Urteilsvermögen. Also die Unfähigkeit, Zusammenhänge zu erkennen, Konsequenzen abzuschätzen und zwischen Ursache und Wirkung zu unterscheiden. Ein solcher Mensch kann durchaus motiviert sein. Er kann früh aufstehen, lange arbeiten und sich mit voller Überzeugung engagieren. Genau darin liegt die Gefahr. Denn Energie verstärkt immer das, was bereits vorhanden ist. Ein kluger Mensch nutzt Energie, um Probleme zu lösen. Ein unkluger Mensch nutzt dieselbe Energie, um Fehler zu vervielfachen.
Jede Führungskraft hat solche Situationen erlebt. Es werden Prozesse geschaffen, die niemand benötigt. Berichte erstellt, die niemand liest, Besprechungen durchgeführt, die keine Entscheidungen hervorbringen und Ressourcen gebunden, ohne einen erkennbaren Mehrwert zu schaffen. Die Beteiligten arbeiten dabei oft mit großem Engagement. Niemand kann ihnen mangelnden Einsatz vorwerfen. Dennoch verschlechtert sich das Ergebnis.
Der Grund dafür ist einfach: Aktivität wird mit Wirksamkeit verwechselt.
Viele Organisationen belohnen genau dieses Verhalten. Wer ständig beschäftigt wirkt, wird als engagiert wahrgenommen. Wer jede Anfrage sofort beantwortet, jede Aufgabe übernimmt und jedes Problem persönlich lösen möchte, erscheint unverzichtbar. Tatsächlich entstehen auf diese Weise jedoch häufig überlastete Strukturen, unklare Verantwortlichkeiten und ein permanenter Zustand operativer Hektik.
Besonders problematisch wird es, wenn solche Menschen Führungsverantwortung erhalten. Denn sie übertragen ihre eigene Denkweise auf die gesamte Organisation. Statt Prioritäten zu setzen, erzeugen sie zusätzliche Aufgaben. Statt Entscheidungen zu vereinfachen, schaffen sie neue Regelwerke. Statt Verantwortung zu delegieren, kontrollieren sie jedes Detail. Die Organisation wird dadurch nicht leistungsfähiger. Sie wird langsamer, komplizierter und anfälliger.
Noch gefährlicher wird es, wenn zu mangelndem Urteilsvermögen moralische Selbstgewissheit hinzukommt. Menschen, die von ihrer eigenen Sichtweise absolut überzeugt sind, hinterfragen selten die Folgen ihres Handelns. Sie prüfen nicht, ob ihre Maßnahmen tatsächlich wirken. Sie fragen lediglich, ob ihre Absichten gut waren. Doch gute Absichten haben noch keine einzige Krise gelöst, kein Unternehmen erfolgreich gemacht und keine Gesellschaft widerstandsfähiger werden lassen.
Verantwortungsvolle Führung beginnt deshalb mit intellektueller Demut. Mit der Bereitschaft, die eigene Einschätzung zu hinterfragen. Mit der Erkenntnis, dass man irren kann. Wer diese Fähigkeit besitzt, entwickelt sich weiter. Wer sie nicht besitzt, wird mit wachsender Verantwortung häufig selbst zum Problem.
Die vielleicht wichtigste Erkenntnis aus Hammersteins Modell lautet daher nicht, dass Menschen in vier Schubladen eingeordnet werden können. Die eigentliche Erkenntnis lautet, dass jede Führungskraft ständig daran arbeiten muss, die eigenen Schwächen zu erkennen und auszugleichen. Niemand ist dauerhaft klug. Niemand ist dauerhaft frei von Irrtümern. Entscheidend ist vielmehr, ob wir bereit sind, aus Erfahrungen zu lernen und unser Handeln an der Realität statt an Wunschvorstellungen auszurichten.
Genau daraus ergibt sich die entscheidende Frage für moderne Organisationen: Nach welchen Kriterien sollten wir Führungskräfte heute tatsächlich auswählen und entwickeln? Denn die Zukunft gehört nicht den Lautesten, den Aktivsten oder den Beliebtesten. Sie gehört denjenigen, die Verantwortung übernehmen können, wenn Verantwortung notwendig wird.
Was Organisationen wirklich brauchen – Charakter vor Kompetenz, Urteilskraft vor Aktivismus
Wenn man Hammersteins Modell auf die heutige Zeit überträgt, besteht die größte Gefahr nicht darin, dass wir zu wenig über Führung wissen. Die größte Gefahr besteht darin, dass wir häufig die falschen Kriterien zur Bewertung von Führung verwenden. Moderne Organisationen messen nahezu alles:
- Abschlüsse,
- Zertifikate,
- Fortbildungen,
- Projektzahlen,
- Arbeitsstunden,
- Zielvereinbarungen und
- Kennzahlen.
All diese Dinge können wertvolle Hinweise liefern. Sie sagen jedoch nur begrenzt etwas über die entscheidende Frage aus:
Wem würden wir in einer Krise tatsächlich Verantwortung übertragen?
Denn wahre Führung zeigt sich nicht im Lebenslauf. Sie zeigt sich im Verhalten unter Belastung. Wenn Unsicherheit herrscht, wenn Informationen fehlen, wenn Entscheidungen unpopulär werden und wenn Fehler unvermeidbar sind, treten Eigenschaften in den Vordergrund, die sich nur schwer in Tabellen oder Bewertungsbögen erfassen lassen:
- Charakter,
- Integrität,
- Mut,
- Selbstdisziplin,
- Verantwortungsbewusstsein und
- Urteilsvermögen.
Diese Eigenschaften waren vor hundert Jahren wichtig. Sie sind heute wichtig. Und sie werden auch in hundert Jahren noch entscheidend sein.
Viele Organisationen investieren enorme Ressourcen in die Vermittlung von Fachwissen. Das ist richtig und notwendig. Gleichzeitig wird jedoch häufig unterschätzt, wie wichtig die Entwicklung von Persönlichkeit und Haltung ist. Fachwissen beantwortet die Frage, wie etwas getan werden kann. Charakter beantwortet die Frage, ob es getan werden sollte.
Gerade in einer Zeit wachsender Komplexität gewinnt diese Unterscheidung an Bedeutung. Die meisten Herausforderungen unserer Gegenwart entstehen nicht durch fehlende Informationen. Informationen stehen heute nahezu unbegrenzt zur Verfügung. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, aus dieser Informationsflut die richtigen Schlüsse zu ziehen und daraus verantwortungsvolle Entscheidungen abzuleiten.
Dafür braucht es Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Menschen, die nicht jeder Stimmung hinterherlaufen. Menschen, die zwischen kurzfristiger Popularität und langfristigem Nutzen unterscheiden können. Menschen, die auch dann Kurs halten, wenn Gegenwind aufkommt.
Diese Eigenschaften finden sich nicht nur in Unternehmen. Sie finden sich in Behörden, Streitkräften, Hilfsorganisationen, Vereinen und im Ehrenamt. Überall dort, wo Menschen Verantwortung für andere übernehmen, gelten letztlich dieselben Prinzipien. Wer führen will, muss bereit sein, Entscheidungen zu treffen. Wer Entscheidungen trifft, wird nicht immer Zustimmung erhalten. Wer deshalb Entscheidungen vermeidet, verzichtet faktisch auf Führung.
Hammersteins Modell erinnert uns daran, dass Führung nicht im Titel oder Position liegt. Führung ist die Fähigkeit, Realität anzuerkennen, Prioritäten zu setzen und Verantwortung für die Folgen des eigenen Handelns zu übernehmen.
Organisationen, die solche Menschen erkennen, fördern und entwickeln, werden langfristig erfolgreicher sein als jene, die Aktivität mit Leistung, Lautstärke mit Kompetenz oder Beliebtheit mit Führungsstärke verwechseln. Denn am Ende entscheiden nicht Prozesse, Präsentationen oder Absichtserklärungen über Erfolg und Misserfolg. Am Ende entscheiden Menschen. Und die Qualität einer Organisation wird niemals höher sein als die Qualität ihrer Führungskräfte.
Schlussgedanke
Die Einteilung von Hammerstein-Equord ist weder wissenschaftlich perfekt noch politisch besonders elegant. Genau deshalb besitzt sie bis heute eine bemerkenswerte Kraft. Sie reduziert Führung auf eine einfache, aber entscheidende Frage: Wem würden wir Verantwortung übertragen, wenn die Folgen einer Fehlentscheidung erheblich wären?
Jede Generation steht vor ihren eigenen Herausforderungen. Unternehmen müssen sich in immer kürzeren Zyklen anpassen. Gesellschaften werden komplexer. Staaten sehen sich neuen Risiken gegenüber. Gleichzeitig wächst die Versuchung, schwierige Entscheidungen aufzuschieben oder Verantwortung an Prozesse, Gremien und Vorschriften zu delegieren. Doch Verantwortung lässt sich nicht delegieren. Irgendwann muss immer ein Mensch entscheiden.
Deshalb sollten wir weniger Zeit darauf verwenden, Führungskräfte nach modernen Schlagworten zu bewerten, und mehr Zeit darauf, ihren Charakter, ihre Urteilskraft und ihre Fähigkeit zur Übernahme von Verantwortung zu beobachten. Denn genau diese Eigenschaften entscheiden darüber, ob Organisationen Krisen überstehen, Chancen nutzen und langfristig erfolgreich bleiben. Wer Verantwortung übernimmt, wird Fehler machen. Wer jedoch aus ihnen lernt, die Realität anerkennt und bereit ist, unbequeme Entscheidungen zu treffen, schafft die Grundlage für Fortschritt. Nicht nur in Unternehmen oder Behörden, sondern in unserer gesamten Gesellschaft.
Gute Führung entsteht nicht durch den Wunsch, allen zu gefallen. Gute Führung entsteht durch die Bereitschaft, das Richtige zu tun, auch wenn es nicht jedem gefällt.
Nils Wolk · Wo Entscheiden Folgen hat.


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