Sind wir endlich bereit?
Es gibt Momente, in denen sich eine Gesellschaft entscheiden muss, ob sie aus einer Krise lernt oder darauf wartet, von der nächsten überrascht zu werden. Das Ahrtal war kein unvorhersehbarer Schicksalsschlag und keine einmalige Ausnahme. Es war ein Weckruf, der weit über eine einzelne Region hinausreicht und uns schonungslos gezeigt hat, wie verletzlich selbst ein hochentwickeltes Land sein kann. Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht, ob Deutschland künftig erneut von schweren Naturereignissen, technischen Ausfällen oder anderen Großschadenslagen getroffen wird. Die entscheidende Frage ist vielmehr, ob wir bis dahin den Mut finden, unsere Kultur der Krisenvorsorge grundlegend zu verändern. Resilienz entsteht nicht erst im Einsatz, sondern durch kluge Entscheidungen, verantwortungsbewusstes Handeln und eine Gesellschaft, die Vorsorge nicht als Ausdruck von Angst, dafür vielmehr von Stärke versteht, bereits viele Jahre vorher. Warum wir genau jetzt einen neuen Blick auf Katastrophenschutz und Resilienz brauchen und weshalb dies jeden von uns betrifft, erläutere ich im vollständigen Beitrag in meinem Logbuch.
Die gefährlichste Illusion unserer Zeit: Sicherheit ist selbstverständlich
Deutschland versteht sich seit Jahrzehnten als ein Land der Stabilität. Wir vertrauen darauf, dass Strom aus der Steckdose kommt, Trinkwasser jederzeit verfügbar ist, Rettungskräfte innerhalb weniger Minuten eintreffen und staatliche Institutionen jede größere Krise beherrschen können. Dieses Vertrauen ist über Generationen gewachsen und war lange Zeit berechtigt. Gerade deshalb fällt es vielen Menschen schwer zu akzeptieren, dass sich die Rahmenbedingungen grundlegend verändert haben. Unsere Gesellschaft ist heute so eng vernetzt und technisch abhängig wie niemals zuvor, wodurch bereits vergleichsweise kleine Störungen Kettenreaktionen auslösen können, deren Auswirkungen weit über den eigentlichen Auslöser hinausreichen.
Die größte Gefahr für unsere Sicherheit ist deshalb häufig nicht die Katastrophe selbst, sondern die Illusion, ausreichend geschützt zu sein. Wohlstand vermittelt Stabilität, moderne Technik erzeugt den Eindruck vollständiger Kontrolle und jahrzehntelang funktionierende Systeme lassen uns glauben, dass sie auch künftig selbstverständlich funktionieren werden. Doch Sicherheit ist kein Dauerzustand, sondern das Ergebnis kontinuierlicher Vorbereitung, kluger Investitionen und verantwortungsvoller Entscheidungen. Wer Sicherheit als selbstverständlich betrachtet, bemerkt ihre Bedeutung oft erst in dem Moment, in dem sie verloren geht. Genau darin liegt eine der Schwächen moderner Gesellschaften.
Dabei sprechen die Entwicklungen der vergangenen Jahre eine eindeutige Sprache. Die Flutkatastrophe im Ahrtal, großflächige Waldbrände, langanhaltende Dürreperioden, schwere Stürme, Hitzewellen, Cyberangriffe auf kritische Infrastrukturen und die Erfahrungen aus der Corona-Pandemie haben gezeigt, dass Krisen längst keine abstrakten Szenarien mehr sind. Sie finden nicht irgendwo auf der Welt statt, sondern direkt vor unserer eigenen Haustür. Gleichzeitig wachsen die gegenseitigen Abhängigkeiten unserer Energieversorgung, unserer Kommunikationsnetze, unserer Logistik und unseres Gesundheitswesens stetig weiter. Fällt ein Bereich aus, geraten oft zahlreiche weitere Systeme unter Druck.
Darin liegt eine unbequeme Wahrheit, die wir uns als Gesellschaft eingestehen müssen. Wir investieren enorme Summen in die Bewältigung eingetretener Schäden, während wir vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit auf ihre Vermeidung richten. Prävention besitzt keinen spektakulären Nachrichtenwert, erfolgreiche Vorsorge bleibt meist unsichtbar und politische Entscheidungen zugunsten langfristiger Resilienz entfalten ihre Wirkung häufig erst Jahre später. Dennoch entscheidet genau diese unsichtbare Vorbereitung darüber, wie viele Menschenleben gerettet, wie viele Existenzen geschützt und wie schnell sich eine Gesellschaft nach einer Krise wieder erholen kann. Wer Resilienz lediglich als Kostenfaktor betrachtet, verkennt ihren eigentlichen Wert als Investition in die Zukunft.
Deshalb brauchen wir einen grundlegenden Perspektivwechsel. Sicherheit darf nicht länger ausschließlich als Aufgabe von Polizei, Feuerwehr, Technischem Hilfswerk, Bundeswehr oder Katastrophenschutzbehörden verstanden werden. Sie beginnt lange vor dem ersten Einsatzfahrzeug, lange vor der ersten Warnmeldung und lange bevor politische Krisenstäbe zusammentreten. Sie entsteht durch vorausschauende Planung, robuste Infrastrukturen, regelmäßige Übungen, verantwortungsbewusste politische Entscheidungen und durch Bürgerinnen und Bürger, die bereit sind, Verantwortung für sich selbst und ihre Mitmenschen zu übernehmen. Erst wenn wir diese Haltung verinnerlichen, entwickeln wir jene Resilienz, die aus einer verletzlichen Gesellschaft eine widerstandsfähige Gemeinschaft macht.
Das Ahrtal war kein Ausrutscher, sondern eine Warnung für ganz Deutschland
Als sich in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 die Wassermassen ihren Weg durch das Ahrtal bahnten, verloren mehr als 180 Menschen ihr Leben. Innerhalb weniger Stunden wurden Wohnhäuser zerstört, Brücken fortgerissen, Straßen unpassierbar und ganze Ortschaften nahezu ausgelöscht. Die Bilder gingen um die Welt und erschütterten Deutschland bis ins Mark. Viele betrachteten die Katastrophe als ein Jahrhundertereignis, das sich hoffentlich niemals wiederholen werde. Genaugenommen wiederholt sich dieses Ereignis ca. alle Hundert Jahre. Deswegen greift diese Sichtweise zu kurz und verhindert, dass wir die richtigen Lehren ziehen. Das Ahrtal war nicht die Ausnahme von der Regel, sondern ein unmissverständlicher Hinweis darauf, dass unser Risikoumfeld ein grundlegend anderes ist, als wir es uns immer erhoffen.
Wer ausschließlich über außergewöhnliche Regenmengen spricht, beschreibt lediglich den Auslöser, nicht jedoch die eigentliche Ursache für das enorme Ausmaß der Katastrophe. Naturereignisse lassen sich nicht verhindern, ihre Folgen jedoch sehr wohl beeinflussen. Über Jahrzehnte wurden Flussläufe begradigt, Überschwemmungsflächen bebaut, kritische Infrastrukturen in gefährdeten Bereichen errichtet und Warnungen häufig unterschätzt. Gleichzeitig entstand eine gesellschaftliche Erwartungshaltung, wonach staatliche Stellen jede Gefahr rechtzeitig erkennen, jede Entwicklung beherrschen und jeden Schaden verhindern könnten. Diese Erwartung ist, angesichts der dafür dem Bürgerauferlegten Steuerlast, verständlich, sie ist jedoch angesichts komplexer Gefahrenlagen nicht realistisch. Resilienz bedeutet deshalb nicht, Katastrophen auszuschließen, sondern ihre Auswirkungen auf ein beherrschbares Maß zu begrenzen.
Hinzu kommt, dass das Ahrtal kein isoliertes Ereignis geblieben ist. In den vergangenen Jahren haben Starkregen, Hochwasser, Dürreperioden und Waldbrände in vielen Regionen Deutschlands deutlich zugenommen. Gleichzeitig wachsen neue Bedrohungen heran, die auf den ersten Blick wenig mit Naturkatastrophen zu tun haben, deren Auswirkungen jedoch ähnlich gravierend sein können. Cyberangriffe auf Energieversorger, Sabotage an kritischer Infrastruktur, langanhaltende Stromausfälle oder der Ausfall digitaler Kommunikationsnetze können innerhalb kürzester Zeit ähnliche Kaskadeneffekte auslösen wie eine Flutkatastrophe. Moderne Krisenvorsorge darf deshalb nicht länger in einzelnen Zuständigkeiten denken, sondern muss alle relevanten Gefahren in einem gemeinsamen Sicherheitsverständnis betrachten.
Besonders deutlich wurde im Ahrtal, dass Krisen niemals an organisatorischen Grenzen Halt machen. Wasser unterscheidet nicht zwischen Gemeinden, Landkreisen oder Bundesländern. Es interessiert sich weder für Zuständigkeiten noch für Verwaltungsvorschriften. Dennoch ist unser Katastrophenschutz stark föderal organisiert. Dieses Prinzip besitzt viele Stärken, weil Entscheidungen häufig dort getroffen werden, wo die örtliche Lage am besten bekannt ist. Gleichzeitig entstehen jedoch dort erhebliche Risiken, wo überregionale Koordination, einheitliche Lagebilder oder schnelle Führungsentscheidungen erforderlich sind. In einer dynamischen Großschadenslage darf keine wertvolle Zeit dadurch verloren gehen, dass Verantwortlichkeiten geklärt werden müssen, während Menschen bereits um ihr Leben kämpfen. Gerade deshalb sollte das Ahrtal weniger als tragisches Einzelereignis verstanden werden, sondern vielmehr als strategischer Wendepunkt. Jede große Krise ist zugleich ein Stresstest für die Widerstandsfähigkeit eines Staates und seiner Gesellschaft. Sie zeigt schonungslos auf, welche Strukturen funktionieren, welche Führungskulturen tragfähig sind und an welchen Stellen Reformbedarf besteht. Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob wir die Opfer des Ahrtals angemessen würdigen, denn das schulden wir ihnen ohne jeden Zweifel. Die eigentliche Verantwortung besteht darin, ihre Erfahrungen zum Ausgangspunkt einer umfassenden Modernisierung unseres Katastrophenschutzes und unserer Resilienz zu machen. Erst wenn wir bereit sind, unbequeme Wahrheiten anzunehmen und daraus konsequent zu handeln, wird aus einer Tragödie eine Lehre, die künftige Menschenleben retten kann.
Resilienz entsteht nicht im Einsatz, sondern Jahre vorher
Immer dann, wenn Blaulicht durch überflutete Straßen fährt, Hubschrauber Menschen von Hausdächern retten und tausende Einsatzkräfte bis an die Grenzen ihrer Belastbarkeit arbeiten, sprechen wir von einer gelungenen Katastrophenbewältigung. Tatsächlich feiern wir damit häufig nur den letzten Schutzwall vor dem vollständigen Versagen eines Systems. Der eigentliche Erfolg hätte sich bereits Jahre zuvor zeigen müssen, nämlich dann, wenn kluge Entscheidungen verhindert hätten, dass aus einer Gefahr überhaupt eine Katastrophe werden konnte. So hätten Baugenehmigungen in dem Bereich verwehrt werden können, in dem im Ahrtal mit unangenehmer Regelmäßigkeit Jahrhunderthochwasser Schaden anrichten. Einsatzkräfte retten Leben. Gute Vorsorge verhindert, dass sie in dieser Größenordnung gerettet werden müssen. Genau darin liegt der fundamentale Unterschied zwischen Krisenreaktion und Resilienz.
Deutschland besitzt einige der besten Feuerwehren, Hilfsorganisationen, Rettungsdienste und Einsatzkräfte der Welt. Millionen Menschen engagieren sich ehrenamtlich und stehen bereit, wenn andere in größter Not sind. Zudem gibt es viele Menschen, die in solchen Situationen ohne Organisationszugehörigkeit einfach fragen, wo sie helfen können und mit anpacken. Ich selber habe dies beim Elbehochwasser 2013 getan. Darauf dürfen wir mit Recht stolz sein. Gleichzeitig wäre es gefährlich, daraus den Schluss zu ziehen, unser Katastrophenschutz sei deshalb automatisch zukunftsfest. Die Leistungsfähigkeit eines Staates bemisst sich nicht daran, wie spektakulär er Menschen aus den Trümmern rettet. Sie bemisst sich daran, wie selten Menschen überhaupt unter Trümmern begraben werden. Dieser Unterschied mag sprachlich klein erscheinen, strategisch trennt er jedoch zwei völlig unterschiedliche Denkweisen.
Wir investieren in Deutschland enorme Summen in die Bewältigung eingetretener Krisen. Das ist notwendig und richtig. Gleichzeitig investieren wir jedoch vergleichsweise wenig in jene Maßnahmen, die Krisenfolgen bereits im Vorfeld deutlich reduzieren könnten. Sirenen wurden vielerorts über Jahre zurückgebaut, kritische Infrastrukturen sind teilweise nur unzureichend gegen langanhaltende Stromausfälle oder Cyberangriffe abgesichert und großflächige ressortübergreifende Übungen finden noch immer viel zu selten statt. Hinzu kommt, dass viele Kommunen aus finanziellen Zwängen Investitionen verschieben, obwohl bekannt ist, dass Prävention langfristig erheblich günstiger ist als Wiederaufbau. Jeder Euro, der heute klug in Resilienz investiert wird, spart morgen nicht nur ein Vielfaches an Kosten, sondern schützt vor allem Menschenleben.
Noch gravierender ist jedoch ein kulturelles Problem. Wir neigen dazu, Sicherheit an Institutionen zu delegieren. Der Staat wird häufig als Dienstleister verstanden, der jede Krise lösen und jedes Risiko beherrschen soll. Doch eine moderne Gefahrenlage macht deutlich, dass selbst ein leistungsfähiger Staat irgendwann an seine Belastungsgrenzen gelangt. Resilienz beginnt deshalb dort, wo Verantwortung wieder geteilt wird. Politik muss Rahmenbedingungen schaffen, Behörden müssen professionell planen, Unternehmen ihre kritischen Prozesse absichern und Bürgerinnen und Bürger sich auf außergewöhnliche Lagen vorbereiten. Erst wenn alle Ebenen ineinandergreifen, entsteht ein belastbares Gesamtsystem. Sicherheit ist keine Einbahnstraße vom Staat zum Bürger, sondern ein gemeinsames Versprechen einer verantwortungsbewussten Gesellschaft.
Dabei entscheidet letztlich Führung über Erfolg oder Misserfolg. Führung bedeutet in Krisen nicht, auf vollständige Informationen zu warten, sondern unter Unsicherheit verantwortbare Entscheidungen zu treffen. Sie bedeutet, unbequeme Wahrheiten frühzeitig auszusprechen, Risiken klar zu benennen und Vorsorge auch dann konsequent voranzutreiben, wenn gerade keine Kameras darauf gerichtet sind. Die besten Führungspersönlichkeiten zeichnen sich deshalb nicht dadurch aus, dass sie im Ausnahmezustand über sich hinauswachsen. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie den Ausnahmezustand durch Weitsicht, Konsequenz und langfristiges Denken möglichst klein halten. Genau darin liegt die eigentliche Kunst strategischer Führung. Resilienz ist keine spontane Heldentat. Sie ist das Ergebnis tausender richtiger Entscheidungen, die lange getroffen wurden, bevor die Sirenen zum ersten Mal heulten.
Warum Katastrophenschutz bei jedem Einzelnen beginnt
Wann immer über Katastrophenschutz gesprochen wird, richtet sich der Blick fast automatisch auf Ministerien, Einsatzkräfte oder Behörden. Das ist verständlich, greift jedoch zu kurz. Die Widerstandsfähigkeit einer Gesellschaft beginnt nicht erst im Lagezentrum eines Landkreises oder in den Einsatzplänen einer Feuerwehr. Sie beginnt in den Wohnungen, Familien, Nachbarschaften und Unternehmen unseres Landes. Dort entscheidet sich, ob Menschen in den ersten Stunden einer Krise handlungsfähig bleiben oder zu Betroffenen werden, die dringend auf Hilfe angewiesen sind. Eine resiliente Gesellschaft entsteht deshalb nicht ausschließlich durch einen leistungsfähigen Staat, sondern durch Bürgerinnen und Bürger, die Verantwortung nicht als Last, sondern als selbstverständlichen Teil ihres Zusammenlebens begreifen.
Genau hierin liegt eine kulturelle Herausforderung, über die wir deutlich häufiger sprechen sollten. Über viele Jahrzehnte konnten wir uns darauf verlassen, dass staatliche Strukturen nahezu jede alltägliche Lage schnell und zuverlässig bewältigten. Diese Erfahrung hat jedoch zugleich eine Erwartungshaltung geschaffen, die in vielen Großschadenslagen an ihre Grenzen stößt. Wenn mehrere Regionen gleichzeitig betroffen sind, Verkehrswege unterbrochen werden oder Kommunikationsnetze ausfallen, kann Hilfe nicht überall gleichzeitig eintreffen. Das ist kein Zeichen staatlichen Versagens, sondern eine physikalische und organisatorische Realität. Wer diese Realität akzeptiert, verliert nicht das Vertrauen in den Staat. Im Gegenteil, er versteht, warum Eigenvorsorge und staatlicher Katastrophenschutz einander ergänzen müssen, anstatt sich gegenseitig zu ersetzen.
Eigenvorsorge wird in Deutschland leider noch immer häufig missverstanden. Manche verbinden sie mit Panikmache oder übertriebenen Weltuntergangsszenarien. Tatsächlich ist sie nichts anderes als verantwortungsbewusstes Handeln. Niemand käme auf die Idee, den Sicherheitsgurt im Auto als Ausdruck von Angst zu bezeichnen. Niemand würde eine Gebäudeversicherung abschließen wollen, weil er fest mit einem Brand rechnet. Wir treffen solche Vorsorgemaßnahmen, weil wir Risiken ernst nehmen, ohne unser Leben von ihnen bestimmen zu lassen. Genau dieselbe Haltung brauchen wir beim Katastrophenschutz. Ein kleiner Lebensmittel- und Wasservorrat, eine Taschenlampe, ein batteriebetriebenes Radio, geladene Powerbanks oder Kenntnisse über Evakuierungswege sind keine außergewöhnlichen Maßnahmen. Sie sind Ausdruck einer erwachsenen Sicherheitskultur.
Noch wichtiger als materielle Vorsorge ist jedoch der gesellschaftliche Zusammenhalt. Die bewegendsten Bilder aus dem Ahrtal zeigten nicht ausschließlich zerstörte Häuser oder überflutete Straßen. Sie zeigten Menschen, die ohne Zögern anpackten, Schlamm schaufelten, Lebensmittel verteilten, Schlafplätze organisierten und Fremden halfen, obwohl sie selbst kaum noch etwas besaßen. Tausende Freiwillige aus allen Teilen Deutschlands bewiesen, dass Solidarität in unserem Land keine leere Floskel ist. Diese Hilfsbereitschaft darf jedoch nicht erst entstehen, wenn die Kameras bereits berichten. Sie muss durch starke Nachbarschaften, lebendige Vereine, ehrenamtliches Engagement und ein Bewusstsein dafür, dass Krisen niemals allein bewältigt werden im Alltag wachsen.
Vielleicht liegt genau hier der wichtigste Schlüssel für die zukünftige Sicherheit unseres Landes. Technische Systeme können ausfallen. Stromnetze können zusammenbrechen. Kommunikationsverbindungen können unterbrochen werden. Was in jeder Krise bleibt, sind Menschen, die Verantwortung füreinander übernehmen. Eine Gesellschaft, deren Mitglieder ihre Nachbarn kennen, sich gegenseitig unterstützen und bereit sind, im Ernstfall Verantwortung zu übernehmen, besitzt einen unschätzbaren Vorteil gegenüber einer Gesellschaft, die ausschließlich auf staatliche Hilfe wartet. Resilienz ist deshalb weit mehr als ein organisatorisches Konzept. Sie ist Ausdruck einer Haltung. Sie beginnt nicht mit Sirenen, Sandsäcken oder Einsatzfahrzeugen, sondern mit der Entscheidung jedes Einzelnen, Teil der Lösung und nicht nur Teil des Problems sein zu wollen.
Eine resiliente Gesellschaft ist kein Zufall, sondern eine politische und gesellschaftliche Entscheidung
Das Ahrtal war kein Betriebsunfall der Geschichte. Es war ein Spiegel, der uns schonungslos gezeigt hat, wo wir als Gesellschaft stark sind und wo wir uns über Jahre in einer trügerischen Sicherheit eingerichtet haben. Wir verfügen über hochprofessionelle Einsatzkräfte, engagierte Ehrenamtliche und leistungsfähige Behörden. Dennoch hat die Katastrophe offenbart, dass selbst die besten Helfer an Grenzen stoßen, wenn Prävention, Vorbereitung und strategische Führung nicht denselben Stellenwert besitzen wie die Bewältigung einer bereits eingetretenen Krise. Die wichtigste Lehre lautet deshalb nicht, noch besser auf Katastrophen zu reagieren. Die wichtigste Lehre lautet, alles dafür zu tun, dass ihre Auswirkungen künftig deutlich geringer ausfallen.
Dafür brauchen wir einen grundlegenden Wandel unseres Sicherheitsverständnisses. Katastrophenschutz darf nicht länger als Randthema einzelner Fachbehörden betrachtet werden, sondern muss als elementarer Bestandteil der nationalen Sicherheitsvorsorge verstanden werden. Ebenso selbstverständlich, wie wir über Landesverteidigung, innere Sicherheit oder wirtschaftliche Stabilität sprechen, müssen wir künftig über Resilienz, kritische Infrastrukturen und Krisenvorsorge sprechen. Eine moderne Gesellschaft definiert Sicherheit nicht allein über ihre Fähigkeit, Gefahren abzuwehren. Sie definiert sich ebenso über ihre Fähigkeit, während außergewöhnlicher Belastungen handlungsfähig zu bleiben und sich anschließend schnell zu erholen. Genau darin entscheidet sich die Zukunftsfähigkeit unseres Landes.
Dieser Wandel beginnt jedoch nicht mit neuen Gesetzen oder zusätzlichen Haushaltsmitteln. Er beginnt mit einer veränderten Haltung. Politik muss den Mut haben, Vorsorge höher zu priorisieren als kurzfristige Popularität. Verwaltungen müssen stärker vernetzt denken und ressortübergreifend handeln. Unternehmen müssen Resilienz als wirtschaftlichen Erfolgsfaktor begreifen und ihre kritischen Prozesse entsprechend absichern. Schulen sollten Kompetenzen vermitteln, die Menschen befähigen, auch unter schwierigen Bedingungen Verantwortung zu übernehmen. Gleichzeitig braucht unser Land mehr Menschen, die bereit sind, sich im Ehrenamt zu engagieren, Verantwortung in ihren Gemeinden zu übernehmen oder ihr Wissen an andere weiterzugeben. Eine resiliente Gesellschaft entsteht nicht durch Anordnungen von oben, sondern durch Verantwortung auf allen Ebenen.
Gerade deshalb lohnt sich der Blick über die eigentliche Katastrophe hinaus. Resilienz ist weit mehr als Hochwasserschutz oder Notstromversorgung. Sie beschreibt die Fähigkeit einer Gesellschaft, trotz Unsicherheit handlungsfähig zu bleiben, aus Krisen zu lernen und gestärkt aus ihnen hervorzugehen. Diese Fähigkeit entscheidet nicht nur über den Umgang mit Naturereignissen. Sie entscheidet ebenso darüber, wie wir auf Pandemien, hybride Bedrohungen, Cyberangriffe, Versorgungsausfälle oder geopolitische Spannungen reagieren werden. Wer heute in Resilienz investiert, investiert deshalb nicht in ein einzelnes Szenario, sondern in die Zukunftsfähigkeit unseres gesamten Gemeinwesens.
Die Stärke eines Landes zeigt sich nicht in den Tagen, an denen alles funktioniert. Sie zeigt sich an den Tagen, an denen plötzlich nichts mehr selbstverständlich ist. Dann entscheidet sich, ob Vertrauen, Zusammenhalt und Verantwortung tragfähig genug sind, um eine Gesellschaft durch die Krise zu tragen. Resilienz ist deshalb keine technische Disziplin und keine Aufgabe weniger Spezialisten. Sie ist Ausdruck einer gemeinsamen Haltung, die weit über den Katastrophenschutz hinausreicht.
Schlussgedanke
Die nächste große Krise wird kommen. Ob sie durch extreme Wetterereignisse, den Ausfall kritischer Infrastrukturen, eine Pandemie oder gar geopolitische Entwicklungen ausgelöst wird, wissen wir nicht. Sicher ist lediglich, dass wir den Zeitpunkt ihres Eintretens nicht bestimmen können. Wohl aber können wir bestimmen, wie gut wir darauf vorbereitet sein werden.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob wir uns Vorsorge leisten können. Die entscheidende Frage lautet, ob wir es uns leisten können, weiter auf sie zu verzichten. Jede Gemeinde, die ihre Krisenpläne aktualisiert. Jedes Unternehmen, das seine Widerstandsfähigkeit stärkt. Jede Familie, die sich vorbereitet. Jede Bürgerin und jeder Bürger, die Verantwortung übernehmen. All das macht Deutschland Schritt für Schritt sicherer.
Resilienz ist keine Aufgabe für morgen. Sie ist eine Entscheidung, die wir heute treffen müssen. Denn die Katastrophe von morgen wird uns nicht danach beurteilen, was wir nach ihr beschlossen haben. Sie wird uns daran messen, was wir vorher getan haben.
Nils Wolk · Wo Entscheiden Folgen hat.


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