Die gefährlichste Lüge in der Führung

Warum Erfolg nicht immer Recht gibt und wahre Führung über die eigene Position hinausreicht.

Die gefährlichste Lüge in der Führung lautet: „Wer erfolgreich ist, macht alles richtig.“ Wir bewundern Karrieren, Titel und Macht. Doch wie oft fragen wir, welchen Preis andere dafür bezahlen? Wie viele Menschen wurden gefördert, wie viele entmutigt? Wie viel Vertrauen wurde geschaffen, wie viel zerstört? Wahre Führung erkennt man nicht daran, wie weit jemand selbst gekommen ist. Sondern daran, wie viele Menschen durch ihn wachsen konnten und was von seinem Wirken bleibt.

Das gilt für Unternehmen, Politik und Bundeswehr. Vor allem aber für unsere Gesellschaft. Warum die wichtigste Führungsaufgabe vielleicht erst nach dem Dienstschluss beginnt, darum geht es in diesem Artikel.

Die gefährlichste Lüge: Erfolg gibt uns automatisch recht

Erfolg ist verführerisch. Er bestätigt unsere Entscheidungen, stärkt unser Selbstbewusstsein und vermittelt uns das Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein. Wer wiederholt erfolgreich ist, beginnt irgendwann zu glauben, dass nicht nur seine Entscheidungen richtig waren, sondern auch seine Art zu führen. An dieser Stelle beginnt eine gefährliche Entwicklung. Denn Erfolg und gute Führung sind keineswegs dasselbe, auch wenn wir beides gerne miteinander verwechseln.

Ein Unternehmen kann wirtschaftlich erfolgreich sein, obwohl seine Beschäftigten längst innerlich gekündigt haben. Eine militärische Einheit kann ihren Auftrag erfüllen, obwohl das Vertrauen zwischen Vorgesetzten und Untergebenen erheblich gelitten hat. Eine politische Organisation kann Wahlen gewinnen, während ihre Mitglieder zunehmend das Gefühl verlieren, tatsächlich gehört zu werden. Kurzfristige Ergebnisse können beeindruckend sein und dennoch langfristige Schäden verdecken. Wer ausschließlich das Ergebnis betrachtet, übersieht möglicherweise den Preis, zu dem es erreicht wurde.

Besonders gefährlich wird diese Verwechslung, wenn Erfolg zur persönlichen Unfehlbarkeit verklärt wird. Führungskräfte, die über Jahre Anerkennung erfahren, laufen Gefahr, kritische Stimmen zunehmend als Störung wahrzunehmen. Aus berechtigtem Selbstvertrauen kann schleichend Selbstüberschätzung werden. Aus Entschlossenheit entwickelt sich dann Starrsinn und aus Durchsetzungsfähigkeit mangelnde Bereitschaft zum Zuhören. Irgendwann umgeben sich solche Menschen bevorzugt mit Personen, die ihre Überzeugungen bestätigen, statt sie herauszufordern. Diese Schema lässt sich besonders oft im Bereich erfolgloser Politik beobachten.

Die Psychologie kennt verschiedene Mechanismen, die diese Entwicklung begünstigen. Der Bestätigungsfehler lässt uns bevorzugt jene Informationen wahrnehmen, die unsere bestehenden Überzeugungen stützen. Macht kann außerdem dazu beitragen, dass Menschen weniger unmittelbare Rückmeldungen erhalten und kritische Reaktionen ihres Umfeldes falsch einschätzen. Wer sich daran gewöhnt, dass andere zustimmen, verwechselt irgendwann möglicherweise Schweigen mit Zustimmung. Gerade deshalb benötigen Menschen in verantwortungsvollen Positionen nicht weniger Widerspruch, sondern mehr davon.

Ich halte es für eine der wichtigsten Eigenschaften guter Führung, sich selbst regelmäßig und ernsthaft infrage zu stellen. Nicht aus Unsicherheit, sondern aus Verantwortungsbewusstsein. Wer Entscheidungen für andere Menschen trifft, muss bereit sein, die eigenen Annahmen überprüfen zu lassen und Fehler einzugestehen. Das verlangt Mut, insbesondere dann, wenn die eigene Position mit Prestige, Erwartungen und persönlichem Ehrgeiz verbunden ist. Doch wer keine Fehler mehr zugeben kann, verliert über kurz oder lang auch die Fähigkeit, aus ihnen zu lernen. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht allein, ob eine Führungskraft erfolgreich war. Sie lautet vielmehr, ob dieser Erfolg Menschen gestärkt, Vertrauen geschaffen und die Organisation langfristig besser gemacht hat. Gute Führung muss sich auch daran messen lassen, was geschieht, wenn die Führungskraft selbst nicht mehr anwesend ist. Bleiben eigenständig handelnde Menschen zurück oder eine Organisation, die ohne permanente Anweisungen nicht mehr funktioniert? Erst die Antwort auf diese Frage lässt erkennen, wie nachhaltig der vermeintliche Erfolg tatsächlich war.

Menschen folgen keiner Position. Sie folgen einer Haltung.

Ein Dienstgrad verleiht Befehlsbefugnis, eine Position schafft Entscheidungsgewalt und ein Titel kann gesellschaftliche Anerkennung begründen. Doch keines dieser Merkmale garantiert, dass Menschen ihrem Vorgesetzten vertrauen oder ihm aus innerer Überzeugung folgen. Formale Autorität kann Gehorsam ermöglichen, aber sie erzeugt nicht automatisch Loyalität. Gerade in schwierigen Situationen zeigt sich, ob Menschen lediglich Anweisungen befolgen oder bereit sind, gemeinsam Verantwortung zu übernehmen. Der Unterschied entsteht durch die Haltung derjenigen, die führen.

In unterschiedlichen beruflichen, militärischen und ehrenamtlichen Zusammenhängen begegnen uns Menschen, die über beeindruckende Lebensläufe verfügen und dennoch kaum Vertrauen ausstrahlen. Gleichzeitig erleben wir Persönlichkeiten ohne herausragende Titel, denen andere beinahe selbstverständlich folgen. Häufig liegt der Unterschied nicht in der fachlichen Qualifikation, sondern in der Übereinstimmung zwischen Worten und Handlungen. Menschen beobachten sehr genau, ob jemand die Werte selbst lebt, die er von anderen einfordert. Glaubwürdigkeit entsteht nicht durch die überzeugendste Rede, sondern durch konsequentes Verhalten. Für mich gehört dazu insbesondere die Bereitschaft, Verantwortung nicht nur für Erfolge, sondern ebenso für Fehler zu übernehmen. Wer sich bei guten Ergebnissen in den Vordergrund stellt, bei Schwierigkeiten jedoch nach Schuldigen sucht, verspielt Vertrauen. Wer dagegen seine Mitarbeiter schützt, berechtigte Kritik annimmt und Leistungen anderer sichtbar macht, schafft die Grundlage für eine belastbare Gemeinschaft. Das gilt in der Wirtschaft ebenso wie in der Bundeswehr, der Politik oder im Ehrenamt. Menschen müssen spüren können, dass sie nicht lediglich Mittel zum Zweck sind.

Empathie spielt dabei eine wesentliche Rolle, wird jedoch häufig missverstanden. Sie bedeutet nicht, Konflikten auszuweichen, Anforderungen zu reduzieren oder notwendige Entscheidungen aufzuschieben. Empathie bedeutet zunächst, die Perspektive anderer Menschen ernsthaft verstehen zu wollen, bevor man über sie urteilt. Eine gute Führungskraft kann hohe Leistungen verlangen und gleichzeitig berücksichtigen, unter welchen persönlichen und organisatorischen Bedingungen diese Leistungen erbracht werden. Menschlichkeit und Konsequenz sind keine Gegensätze, sondern können sich gegenseitig stärken.

Gerade in Krisen wird diese Haltung auf die Probe gestellt. Wenn Zeitdruck, Unsicherheit und widersprüchliche Informationen zusammentreffen, reichen Führungsseminare und wohlformulierte Leitbilder allein nicht mehr aus. Dann entscheiden Verlässlichkeit, persönliche Integrität und die Fähigkeit, auch unter Belastung Orientierung zu geben. Menschen erwarten in solchen Situationen keine unfehlbaren Vorgesetzten, wohl aber solche, die Verantwortung übernehmen und ihre Entscheidungen nachvollziehbar machen. Wer Vertrauen erst in der Krise aufbauen möchte, hat damit häufig zu spät begonnen. Die Bereitschaft andere Menschen größer werden zu lassen, als man selbst wird dabei leicht unterschätzt. Schlechte Führung betrachtet leistungsfähige Mitarbeiter möglicherweise als Konkurrenz. Gute Führung erkennt in ihrer Entwicklung den eigenen Erfolg. Sie schafft Freiräume, fördert Fähigkeiten und ermutigt Menschen, Verantwortung zu übernehmen, auch wenn diese dadurch irgendwann unabhängig werden. Eine Führungspersönlichkeit, die sich unentbehrlich machen möchte, begrenzt letztlich die Leistungsfähigkeit ihrer eigenen Organisation.

Wahre Autorität entsteht deshalb nicht allein aus dem Recht, Entscheidungen zu treffen. Sie wächst aus der Bereitschaft, die Folgen dieser Entscheidungen zu tragen und die entsprechende Verantwortung zu übernehmen. Sie zeigt sich in der Art, wie wir mit Menschen umgehen, die uns widersprechen, von uns abhängig sind oder uns keinen unmittelbaren Vorteil verschaffen können. Gerade im Umgang mit ihnen offenbart sich unser tatsächliches Führungsverständnis. Denn Haltung besitzt nur dann einen Wert, wenn sie auch dort Bestand hat, wo kein Applaus gespendet wird.

Verantwortung endet nicht mit dem Dienstschluss

Wir sprechen häufig darüber, welche Verantwortung Führungskräfte innerhalb ihrer Organisation tragen. Erstaunlich selten stellen wir dagegen die Frage, welche Verantwortung aus ihren Fähigkeiten und Erfahrungen gegenüber der Gesellschaft erwächst. Wer gelernt hat, Menschen zu führen, komplexe Situationen zu beurteilen und Entscheidungen unter Unsicherheit zu treffen, verfügt über Fähigkeiten, die über den eigenen Arbeitsplatz hinaus wertvoll sein können. Unsere Gesellschaft benötigt solche Menschen nicht ausschließlich in Unternehmen, Verwaltungen oder Streitkräften. Sie benötigt sie ebenso in Vereinen, Hilfsorganisationen, Bildungseinrichtungen und zahlreichen anderen Bereichen des Gemeinwesens.

Dabei geht es keineswegs darum, beruflich erfolgreiche Menschen moralisch zu verpflichten, jede freie Stunde zusätzlich einzusetzen. Familie, persönliche Gesundheit und Erholung sind keine Hindernisse gesellschaftlicher Verantwortung, sondern selbst schützenswerte Güter. Dennoch halte ich es für problematisch, wenn wir gesellschaftliche Herausforderungen ausschließlich als Aufgaben des Staates betrachten. Eine Demokratie lebt nicht allein von Institutionen, Gesetzen und politischen Entscheidungen. Sie lebt von Bürgerinnen und Bürgern, die bereit sind, sich einzubringen und Verantwortung für mehr als ihre unmittelbaren persönlichen Interessen zu übernehmen. Im Bereich der Sicherheits- und Verteidigungspolitik wird diese Notwendigkeit besonders deutlich. Gesellschaftliche Resilienz entsteht nicht erst in dem Moment, in dem eine Krise eintritt. Sie entwickelt sich über Jahre durch Wissen, Vertrauen, belastbare Beziehungen und die Bereitschaft, füreinander einzustehen. Menschen müssen verstehen können, welchen Herausforderungen unser Gemeinwesen gegenübersteht und welchen Beitrag sie selbst leisten können. Deshalb ist es wichtig, sicherheitspolitische Zusammenhänge verständlich zu vermitteln und Räume für offene, auch kontroverse Diskussionen zu schaffen.

Aus meiner langjährigen Tätigkeit in der Bundeswehr und meinem ehrenamtlichen Engagement in der sicherheitspolitischen Bildungsarbeit habe ich eine Überzeugung mitgenommen. Menschen sind häufig sehr viel eher bereit, Verantwortung zu übernehmen, als wir glauben. Sie benötigen allerdings Gelegenheiten, Informationen und manchmal jemanden, der ihnen den ersten Schritt erleichtert. Wer eine Veranstaltung organisiert, Menschen miteinander ins Gespräch bringt oder junge Menschen für gesellschaftliche Fragen begeistert, mag damit zunächst wenig Spektakuläres bewirken. Doch genau aus solchen Begegnungen können langfristig Vertrauen, neue Initiativen und tragfähige Netzwerke entstehen. Gesellschaftlicher Zusammenhalt wächst häufig im Kleinen, bevor er im Großen Wirkung entfaltet.

Das Ehrenamt verdient deshalb eine wesentlich stärkere gesellschaftliche Wertschätzung. Millionen Menschen engagieren sich in Deutschland freiwillig und leisten damit Beiträge, die sich nicht angemessen in Geld ausdrücken lassen. Sie trainieren Jugendliche, unterstützen Bedürftige, helfen in Notlagen, vermitteln Wissen oder übernehmen Verantwortung in Organisationen. Oft geschieht dies nach einem langen Arbeitstag, an Wochenenden und unter Verzicht auf persönliche Freizeit. Ihr Engagement ist keine dekorative Ergänzung staatlicher Leistungen, sondern ein eigenständiger und unverzichtbarer Bestandteil unseres Gemeinwesens. Allerdings dürfen wir gesellschaftliche Verantwortung nicht mit permanenter Selbstaufopferung verwechseln. Wer sich engagiert, muss auch lernen, Aufgaben abzugeben, Mitstreiter zu gewinnen und die eigene Belastbarkeit realistisch einzuschätzen. Nachhaltiges Ehrenamt benötigt funktionierende Strukturen und darf nicht dauerhaft von der Überforderung einzelner Menschen abhängen. Gerade hier zeigt sich erneut die Verbindung zur guten Führung. Wer Verantwortung ernst nimmt, optimiert nicht nur eigene Leistungen, sondern ermöglicht anderen, sich ebenfalls wirksam einzubringen.

Ich bin überzeugt, dass wir in Deutschland nicht in erster Linie an einem Mangel an klugen Analysen leiden. Wir wissen bei vielen gesellschaftlichen Herausforderungen längst, wo Probleme bestehen und welche Veränderungen notwendig wären. Was uns gelegentlich fehlt, ist die Bereitschaft, selbst den ersten Schritt zu gehen, ohne auf perfekte Bedingungen oder die Initiative anderer zu warten. Nicht jeder muss eine Organisation führen oder ein großes Projekt ins Leben rufen. Manchmal beginnt gesellschaftliche Verantwortung damit, regelmäßig Zeit zu schenken, eine Aufgabe zuverlässig zu übernehmen oder einen Menschen zu ermutigen, der sich bislang nicht getraut hat.

Entscheidend ist die Erkenntnis, dass Führung nicht an der Tür des Büros, der Kaserne oder des Sitzungssaales endet. Sie kann überall dort stattfinden, wo Menschen Orientierung benötigen, Zusammenarbeit ermöglicht wird und jemand bereit ist, Verantwortung zu übernehmen. Dafür braucht es nicht zwingend einen Titel oder ein offizielles Mandat. Es braucht Haltung, Verlässlichkeit und die Bereitschaft, den eigenen Fähigkeiten einen gesellschaftlichen Sinn zu geben. Darin liegt für mich eine der wertvollsten Formen gelebter Führung.

Die wahre Größe eines Menschen zeigt sich darin, was von seinem Wirken bleibt

Unsere Gesellschaft misst Erfolg häufig an sichtbaren Zeichen. Wir betrachten berufliche Positionen, Einkommen, öffentliche Aufmerksamkeit und Auszeichnungen als Hinweise auf die Bedeutung eines Menschen. Daran ist zunächst nichts Verwerfliches, denn Leistung verdient Anerkennung und besondere Verantwortung darf sichtbar gewürdigt werden. Problematisch wird es jedoch, wenn diese äußeren Merkmale zum eigentlichen Maßstab eines gelungenen Lebens werden. Denn sie sagen nur begrenzt etwas darüber aus, welchen positiven Einfluss ein Mensch tatsächlich auf andere ausgeübt hat. Vielleicht sollten wir häufiger andere Fragen stellen.

  • Was bleibt von unserem Wirken, wenn wir unsere Position eines Tages nicht mehr innehaben?
  • Bleiben Menschen zurück, die durch unsere Unterstützung selbstbewusster, kompetenter und mutiger geworden sind?
  • Bestehen Organisationen fort, weil wir sie auf ein tragfähiges Fundament gestellt haben?
  • Haben wir Wissen weitergegeben, Vertrauen geschaffen und andere dazu befähigt, Verantwortung zu übernehmen?
  • Oder endet unser Einfluss in dem Augenblick, in dem unser Name nicht mehr auf der Tür steht?

Gerade Menschen in Führungspositionen sollten sich diese Fragen regelmäßig stellen. Die Versuchung ist groß, die eigene Bedeutung daran zu messen, wie viele Entscheidungen über den eigenen Schreibtisch laufen und wie viele Menschen auf die persönliche Zustimmung angewiesen sind. Doch eine Organisation, die dauerhaft von einer einzelnen Person abhängig bleibt, ist nicht zwangsläufig besonders gut geführt. Möglicherweise wurden dort lediglich zu wenige Menschen befähigt, eigenständig Verantwortung zu übernehmen. Nachhaltige Führung macht sich nicht selbst zum Mittelpunkt, sondern schafft Voraussetzungen dafür, dass andere erfolgreich handeln können.

Im Ehrenamt ist diese Herausforderung besonders greifbar. Wer über Jahre eine Initiative aufbaut, Mitglieder gewinnt, Veranstaltungen organisiert und Beziehungen pflegt, entwickelt verständlicherweise eine starke persönliche Bindung zu seiner Aufgabe. Doch gerade dann gehört es zur Verantwortung, neue Menschen einzubinden, Wissen weiterzugeben und langfristig Nachfolge zu ermöglichen. Eine gesellschaftliche Initiative sollte nicht mit dem Ausscheiden ihres Gründers oder langjährigen Verantwortlichen an Bedeutung verlieren. Ihre eigentliche Stärke zeigt sich darin, dass sie unabhängig von einzelnen Persönlichkeiten weiterwachsen kann. Dahinter steht ein Verständnis von Lebensleistung, das über die individuelle Karriereplanung hinausreicht. Wir können unsere Fähigkeiten ausschließlich dafür einsetzen, persönliche Ziele zu erreichen. Wir können sie aber auch nutzen, um Möglichkeiten für andere Menschen zu schaffen und gesellschaftliche Entwicklungen positiv zu beeinflussen. Beides muss sich nicht ausschließen, denn beruflicher Erfolg und Gemeinwohlorientierung können einander durchaus ergänzen. Entscheidend ist, dass persönlicher Ehrgeiz nicht zum alleinigen Maßstab unseres Handelns wird.

Auch Anerkennung erhält aus dieser Perspektive eine andere Bedeutung. Sie ist wichtig, weil sie Leistung sichtbar macht, Vorbilder schafft und andere Menschen zum Engagement ermutigen kann. Gerade diejenigen, die sich über lange Zeit freiwillig für das Gemeinwesen einsetzen, verdienen öffentliche Wertschätzung. Doch die Bedeutung ihres Wirkens entsteht nicht erst durch eine Urkunde, einen Orden oder eine Auszeichnung. Sie liegt bereits in dem, was sie für andere Menschen und für die Gesellschaft bewirken. Mich beeindruckt deshalb weniger, welche Position jemand erreicht hat, als vielmehr, wie er mit den Möglichkeiten umgegangen ist, die ihm diese Position eröffnet hat. Hat er Türen geöffnet oder verschlossen? Hat er Menschen gefördert oder klein gehalten? Hat er Verantwortung geteilt oder Macht konzentriert? Hat er etwas geschaffen, das auch ohne ihn Bestand hat? Solche Fragen sind unbequem, aber sie führen näher an den Kern dessen, was verantwortungsvolle Führung ausmacht.

Wir müssen dafür nicht alle außergewöhnliche Lebenswege einschlagen oder große gesellschaftliche Projekte verwirklichen. Nicht jeder kann viel Zeit investieren, nicht jeder verfügt über umfangreiche Netzwerke oder besondere finanzielle Möglichkeiten. Aber nahezu jeder Mensch besitzt Fähigkeiten, Erfahrungen oder Kenntnisse, die für andere wertvoll sein können. Wer diese Möglichkeiten erkennt und verantwortungsvoll einsetzt, kann einen Beitrag leisten, dessen Bedeutung sich häufig erst Jahre später vollständig zeigt. Manchmal genügt eine Ermutigung zur richtigen Zeit, um einen Lebensweg nachhaltig zu verändern. Menschen nicht an die eigene Person zu binden, sondern sie zu befähigen, ihren eigenen Weg zu gehen. Nicht die eigene Unentbehrlichkeit zu beweisen, sondern etwas aufzubauen, das uns überdauert. Nicht nach Anerkennung zu streben, sondern so zu handeln, dass Anerkennung eine mögliche Folge und niemals die Voraussetzung unseres Engagements ist. Wer auf diese Weise Verantwortung übernimmt, hinterlässt mehr als persönliche Erfolge. Er hinterlässt Möglichkeiten, Vertrauen und Menschen, die ihrerseits bereit sind, Verantwortung zu tragen.

Schlussgedanke

Vielleicht ist die gefährlichste Lüge in der Führung am Ende nicht allein die Vorstellung, dass Erfolg uns automatisch recht gibt. Vielleicht ist es die Überzeugung, dass unsere persönliche Bedeutung mit der Höhe unserer Position wächst. Dabei zeigt sich wahre Größe häufig gerade dort, wo Menschen ohne öffentliche Aufmerksamkeit Verantwortung übernehmen, andere unterstützen und etwas schaffen, das über ihr eigenes Wirken hinaus Bestand hat.

Wir brauchen in unserer Gesellschaft nicht ausschließlich mehr Menschen, die führen wollen. Wir brauchen vor allem Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu tragen, andere wachsen zu lassen und sich selbst nicht immer in den Mittelpunkt zu stellen.

Denn am Ende entscheidet nicht, wie viele Menschen unseren Namen kennen. Entscheidend ist, wie viele Menschen durch unser Handeln eine bessere Zukunft haben.

Und vielleicht sollten wir uns deshalb alle von Zeit zu Zeit eine einfache Frage stellen:

Was habe ich heute getan, das auch morgen noch einen Wert für andere Menschen besitzt?



Nils Wolk · Wo Entscheiden Folgen hat.



Foto ist KI generiert

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